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Fotos und die Bedeutsamkeit ihrer Namen

Liebe Fotobegeisterte,

es kommt immer mal wieder vor, dass mich so “aus dem Augenwinkel” irgendwelche Situationen  anspringen, und damit verbunden fast schon nötigen, ein Foto zu machen. Vermutlich kennt solche oder ähnliche Augenblicke jeder Fotografierende, der mit der Kamera im Auge durch die Zeit geistert und sein Umfeld permanent bewußt oder unbewußt abscannt. Vermutlich schärft sich immer mehr der fotografische Blick, je länger man fotografiert. Ich erkenne das daran, dass ich mittlerweile selbst dann fotografisch schaue, wenn ich gar keine Kamera dabei habe. Oder ich habe sie doch dabei. Dann befinde ich mich an Orten und Plätzen, die durchaus belanglos erscheinen, und dennoch zieht meinen Blick irgendeine Situation an, die fotografiert werden will. So manche klasse Aufnahme kommt dabei rum, aber längst nicht nur solche. Manches Ergebnis ist beim späteren Betrachten in Ruhe daheim dann doch nicht so geraten, wie es dort vor Ort auf den ersten Blick aussah. Und damit sind wir schon ein bisschen in meinem Thema. Was passiert eigentlich in diesem “ersten Augen-Blick”? Und WAS fotografieren wir da eigentlich? Läßt sich das deutlich sagen, benennen ? Hat das Foto einen Namen, den ich schon vorab zu finden in der Lage bin?

Am Anfang steht ein Name - Fotos und die Bedeutsamkeit ihrer Namen
Am Anfang steht ein Name

Foto Namensgebung

Je länger ich mich damit beschäftige, den Fotos VOR der Aufnahme einen Namen zu geben, umso spannender ist das, was daraus entsteht. Vielleicht ist es Aufmerksamkeit, oder ein Teil dessen, was wir Sehenlernen nennen. Mir macht das Tun, wie auch die Ergebnisse jedenfalls so viel Freude, dass ich mich entschlossen habe, hier davon zu berichten. Es geht also um Fotos, und die Bedeutsamkeit ihrer Namen.

Ein Beispiel: Da steht irgendwo in einem grauen Vorort mit faden Reihenhäusern ein auf Hochglanz polierter, leuchtend roter Sportwagen vor dieser Tristesse. Denke ich vorher drüber nach, WAS genau ich eigentlich dort sehe, werden 2 völlig unterschiedliche, aber vor allem, völlig unzufällige Fotos entstehen können! Lasse ich mich allerdings von der ersten Intuition treiben, wird ein Foto entstehen, dem ich erst rückwirkend einen Namen geben kann. Welchen Namen also bekommt mein Foto? Heißt es “Häuserfassade mit Auto”? Oder heißt es “Roter Sportwagen vor grauer Wand”?  Oder nenne ich es “Kontraste”? Das Motiv in meinem Beispiel ist sehr markant. Wahrscheinlich wird die Namesgebung mit hoher Trefferquote irgendwas mit dem roten Sportwagen zu tun haben. Mittels Perspektive, Brennweite, Schärfenbereich und Bildausschnitt beeinflusse ich das Foto dahin gehend, sich dem Namen anzunähern, den ich wählte.

Dem Foto einen Namen geben, gibt uns Gewissheit über das tatsächliche Motiv.

Bildname und Hauptmotiv sind in so Situationen oft sehr ähnlich. Der rote Sportwagen ist sicherlich namensprägend und Motiv zugleich. Aber wie sieht das aus, wenn die Situation profaner, unspektakulärer, wenig greifbarer ist? Meine Erkenntnis diesbzüglich ist, dass die Namensgebung immer mehr Bedeutung bekommt, je undeutlicher das ist, was ich fotografieren möchte. Undeutlicher meint aber keinesfalls uninteressanter! Es steht halt nicht immer und überall ein roter Sportwagen. Daher: Je konkreter und zugespitzter es gelingt, einen Namen zu formulieren, um so interessanter werden auch Fotos von Dingen, denen das der erste Blick gar nicht zutraut. Bei meinen weiteren Bildbeispielen habe ich daher eben solche eher profanen Situationen auszuwählen versucht, um zu zeigen, wie Bilder ohne Namen wirken, und wie bildbeeinflussend es ist, sich selbst vorab die Namensgebung zu verdeutlichen. So lassen sich an weniger aufregenden Stellen zumindest fotografisch durchdachtere Fotos machen, und ich behaupte, das sieht man dann auch im Ergebnis.

Namen vergeben vor der Aufnahme

Nehmen wir mal diese folgende Aufnahme, und gehen einfach davon aus, das Foto hätte VOR Aufnahme seinen Namen erhalten. Wie würde der lauten? Ich wette, es erscheinen nun zig Namen mit unterschiedlichster Aussage. “Feld mit Baum drauf”. Oder “Baum auf dem Feld”. Oder “Acker im Herbst”. Oder “Feldrand”. Irgendwie stimmt alles. Aber es ist völlig uneindeutig und austauschbar. Und es ist sichtlich lieblos fotografiert. Einfach der ersten Intuition gefolgt, und drauf gehalten. Dabei hätte was draus werden können. Selbst hier. Wie hätten die Fotos wohl ausgesehen, wenn sie den jeweils genannten Namen nach aufgenommen worden wären?

Foto ohne Namen
Foto ohne Namen

Nochmal aufmerksam machen möchte ich auf meine Behauptung, dass mit abnehmender Spektakularität der Szene die Namensgebung immer bedeutsamer wird. Als Beispiel, was so etwas ausmacht, hier nochmal ein anderes Motiv. Da fällt mein Blick auf einen alten LKW, der vor einer Halle steht. Beides schon leicht morbide, in Summe nicht ganz ohne Charme. Aber WAS wird der Name werden? Oder anders: Worum soll es mir konkret gehen bei der zugespitzten Motivwahl? Ob von hinten mit Baum im Vordergrund aufgenommen, Häuser dahinter, oberhalb bisschen buntes Laub, oder ob schräg von vorne im typischen 0-8-15-Auto-Foto-Blickwinkel… …es wird einfach nicht besser.

Je unaufdringlicher uns eine Situation erscheint, umso effektiver ist die Namensgebung.

Präzisiere ich meine Namensgebung, und spitze die Formulierung zu, könnte der Name lauten “LKW-Oldtimer vor Hallentor”. Alleine das Wörtchen VOR deutet schon auf meine gewählte Priorität hin. Es geht um den LKW. Der ist alt. Und ja, er steht nicht irgendwo, sondern vor einem Hallentor. Aber das darf weniger wichtig erkennbar bleiben. Entgegen anderer Situationen kommt hierbei dem Namen Rechnung tragend ein deutlich anderer Standort zu Hilfe. Es hilft, näher ran zu gehen, und aufs Detail zu schauen. Für die Kernaussage, den Namen, ist die Totale diesmal gar nicht nötig.

"Klassischer LKW-Oldtimer vor Hallentor"
“Klassischer LKW-Oldtimer vor Hallentor”

Noch ein Beispiel. Hier lasse ich aber die halbherzig namenlose Intuitiv-Variante weg, und zeige 2 Fotos, denen ich konkret VORAB ihre Namen gegeben habe. Beide Fotos sind exakt von derselben Position entstanden. Ich habe mich nur einmal aufrecht stehend befunden, und einmal stark in der Hocke befindlich. Benutzt habe ich bei beiden Aufnahmen dasselbe Objektiv. Einzig verändert habe ich die vorgegebene Blende, um dem Bild das zu geben, was der Name verspricht.

“Waldweg mit buntem Herbstlaub, und “Buntes Herbstlaub am Waldweg”.

Die Namensgebung kanalisiert den Weg zum Hauptmotiv.

Hier nochmal eine Fotoreihe, die den ganzen Prozess dessen wiedergibt, was ich mit Namensgebung meine. Wir gehen spazieren, irgendwie so vor uns hin. Da-der Fotoimpuls! Aber was genau ist es, das anspricht? Was habe ich gesehen, und wie heißt es? Wo im gesamten Blickfeld steckt mein Hauptmotiv? Je genauer ich zu schauen beginne, und je genauer und exakter der Name wird, umso deutlich erscheint plötzlich vor mir das wirkliche Motiv dieser Stelle hier. Es ist das einzelne braune Blatt im Ginster links! Jedes der Fotos hat einen Namen. Das aus der Hüfte geschossene Foto links (“gestellt”, für diese Fotoreihe) bekam seinen Namen erst daheim. “Waldweg”. Langweilig. Das Foto mittig zeigt die Annäherung an Motiv und Name. Rechts ist der ausformulierte, exakte Name und das entsprechend entstandene Foto ohne ablenkende Nebenschauplätze und mit einem dennoch erkennbaren, wenn auch unscharfen Hintergrund, der zur Zuordnung aber noch gut dient.

Was ich total bemerkenswert finde, ist der Unterschied, den es macht, den Namen mal wirklich zu sprechen, statt ihn nur zu denken. Wie oft schon dachte ich, der Name und die Konstruktion des Fotos seien doch klar, und dann gelang es nicht, einen präzisen Namen für das Bild auszuformulieren. In so Momenten schaue ich einfach nochmal länger hin. Und wenn sich gar nichts zusammenfügen lassen mag, ist es vielleicht auch besser, weiterzugehen. Ansonsten kommt wohl nur das heraus, was das Bild links zeigt. Irgendwie ganz nett, und das war´s dann auch.

Den Namen laut auszusprechen zeigt, ob wir ihn überhaupt schon wissen.

Wie richtig spannend manche profanen, langweiligen, und vermeintlich unfotogenen Orte werden, wenn ich versuche, dem, was ich bedeutsam daran machen möchte, einen Namen zu geben, zeigen eventuell folgende drei Fotos. Alle Fotos sind wieder von exakt gleicher Stelle aufgenommen, und ich habe mich bewußt auch nur wenig aus der aufrechten Langeweiler-Knips-Position entfernt. Der Ort ist denkbar öde. Doch gerade einen öden Ort kann man bestmöglichst spannend fotografieren. Dazu sollte man danach suchen, was die Sinne reizt. Ist das gelungen, fehlt nur noch der Name. Dem linken Foto einen guten Namen zu geben, fällt wirklich schwer. Da ist eine Schranke, ein Wendehammer, Häuser, Autos, Garagen, ein paar Mülleimer. Bei den anderen beiden ist das Bild dem Namen gefolgt. Dem Foto mittig gab ich vorab den Namen “Wendhammer hinter Schranke”. Der Schärfenbereich zeigt das auch so. Und das Foto rechts heißt “Schranke vor Wendehammer”. Auch hier ist die Hauptursache der unterschiedlichen Wirkungen nur die vorgegebene Blende in Relation zu dem, was der vorab gegebene Name umzusetzen vorgab.

Mittels Namensgebung lassen sich Fotografien sowohl vorab präzisieren, als auch nachträglich entschlüsseln.

Beim Schreiben und Herstellen dieses Beitrages kam mir die Vermutung, dass für engagierte Fotografierende wohlmöglich nicht viel Neues darin zu finden sein wird. Eigentlich ist das doch klar. Und es stimmt, es gibt ja auch völlig andere Methoden und Tricks, bewußt und konkret zu fotografieren. Für mich hat sich allerdings nochmal einiges verändert, seit ich begonnen habe, den Namen des geplanten Fotos zu erarbeiten und ihn mir in den Bart zu murmeln. Denn dazu muss ich mir im Klaren sein darüber, was genau und exakt mein Motiv sein soll, oder die Bildaussage schlechthin. Das ist einfach was anders, als den Namen bloß zu denken. Außerdem mache ich mir mittlerweile gerne die Freude, mit Blick auf Fotografien anderer Personen den Namen zu entschlüsseln, den das Bild optimaler Weise bekommen sollte. Krass, wie oft mir tatsächlich kein exakter Name einfällt.

Fotos ohne Namen sind wie Bücher ohne Titel.

Den Namen zu konkretisieren, zieht durchaus auch nach sich, die eigene Position bei Bedarf zu konkretisieren. Aus dem normalen, aufrechten Gang blickend, nehme ich etwas wahr, dem ich mich, einen Namen gebend, zunehmend nähere. Und zwar so lange, bis ich mit dem übereinkomme, wie das Foto heißen soll, und dem, was ich sehe und zeigen möchte.

Ich möchte dazu motivieren, diesen Namen nicht nur zu denken, sondern leise vor sich hinzumurmeln. Probiert das einfach mal selbst aus. Was exakt, soll der Name sein? So deutlich, wie ich ihn aufs Hauptmotiv bezogen ausgesprechen werde, so deutlich wird auch das Foto. Ein Motiv kann mehrere Namen haben. Dann werden aber auch mehrere Standorte, Perspektiven und Kameraeinstellungen vonnöten. Denn, um beim Eingangsbeispiel zu bleiben, es kommt eben etwas völlig anderes dabei heraus, wenn ich sage: „Wand mit Auto davor“, oder „Auto vor Wand“.

Menschen entwickeln sich angeblich zu ihrem Namen hin. Fotos in jedem Fall!

Auf den folgenden 3 Fotos sind die gleichen 3 Bildanteile zu finden. Waldweg, Böschung, Pilze. Diesmal habe ich allerdings bewußt die Positionen verändert, und auch mit der vorgegebenen Blende Einfluss genommen darauf, mit dem Foto dem gesetzten Namen zu folgen. Ich finde, die Fotos ähneln sich, und man erkennt dieselbe Stelle auf jedem Foto gut wieder, denn alle drei genannten Bildanteile sind auf jedem der Fotos erhalten geblieben. Aber es fällt deutlich auf, wie bewußt anders die Bildwirkung ist, wenn die Gestaltung einem bestimmten Namen folgt, statt einem “Bauchgefühl”.

Abschließen möchte ich meinen Beitrag mit 2 Fotos, die eine Bank recht dominant zeigen, die aber durch die Namensgebung eine jeweils andere Bedeutung und Wertigkeit bekommt. Die Blickrichtung, die Position, ist bei beiden Aufnahmen recht identisch. Verändert habe ich die Entfernung zur Bank, und die Höhe, aus der ich fotografiert habe. Zusätzlich wurde unterstützend zum vorformulierten Namen der entsprechende Schärfenbereich ausgewählt. Und auch hier war bei beiden Fotografien dasselbe Obektiv im Einsatz.

Eine weitere Variante der Namensgebung bei Fotos betrifft die Situation, wenn der Name nicht die Dinge benennt, die zum Motiv werden, sondern wenn es um die Emotion, um die Stimmung geht, die man darstellen möchte. Das ist allerdings einen eigenen Beitrag wert, und würde hier den Rahmen sprengen.

In der Hoffnung, nun nicht den Eindruck vermittelt zu haben, man müsse zukünftig bei nahezu jedem Foto zwingend vorm Auslösen irgendwelche Namen flüstern, (denn das mache ich auch nicht…) bedanke ich mich gerne für die Aufmerksamkeit. Manchmal sind es die kleinen Impulse, die uns beim Fotografieren nochmal auf einen neuen Pfad lenken, und die in Summe dazu führen, weniger dem Zufall zu überlassen. Ich finde, unter anderem das zeichnet gehobene Fotografie aus: Das Umgehen des Zufalls. Denn alles beginnt mit einem Namen… ;-)

Herzlich grüßend,  Dirk Trampedach

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Dirk Trampedach

Eine Geschichte, ein Bild, eine Stimmung. Erlebnisse, Schreiben und Fotografieren, das hängt für mich unmittelbar zusammen. Große Bereiche, denen ich mich widme, sind Reise, Natur, Landschaften, sowie Stories um klassische Automobile und deren Besitzer. Wer Zeit und Interesse hat, bisschen mehr über mich zu erfahren, ist herzlich eingeladen: www.dt-classics.de

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