Jeder, der fotografiert, entdeckt sicher auch zuweilen den (Foto-) Jäger in sich. Mit der Kamera vorm Auge wird dann in Haus und Hof allem nachgespäht, was einen nicht ganz so ausgeprägten Fluchtreflex hat, und bitteschön so lange verharrt, bis das Foto im Kasten ist.
Inhaltsverzeichnis
Tiere vor der Kamera
Eine recht entspannte Situation bietet dafür zum Beispiel die Möglichkeit, die eigenen Haustiere abzulichten. Diese sind meistens daran gewöhnt, dass wir allgegenwärtig anwesend sind. Die Nähe ist kein Problem, und sie halten gerne still. Oder es entstehen im Spiel die teils spaßigen Aufnahmen, die scheinbar jeder mag und die deshalb in den sozialen Medien viral gehen. Hund, Katze, Maus wäre also ein Anfang, und sicher einen Versuch wert.
Eine weitere gute Gelegenheit bietet die Vogeltränke im Garten, oder das eigene Futterhäuschen vorm Fenster, in dem sich gerade jetzt im bevorstehenden Winter die Vögel einfinden. Deren Durst oder Hunger ist teils größer als der natürliche Fluchtreflex, von daher können auch dort relativ komfortable Zeiträume entstehen, um fast in Ruhe an gute Fotografien zu gelangen. Aber auch sonst ist im laufenden Jahr in Gärten, Wiesen und Wäldern recht viel los. Das übersieht man nur allzu schnell, da wenig spektakulär. Die eine oder andere Besonderheit ist dennoch dabei. Murphy´s Gesetz greift aber auch da: Was schief gehen kann, geht schief, oder auf´s Fotografieren bezogen: Bei den allerbesten Gelegenheiten hat man die Kamera nicht parat! Daran läßt sich arbeiten. Einen Querschnitt dessen, was mir binnen eines Jahres an Tieren vor die Linse gehuscht ist, zeigt die folgende Galerie.
Ist man allerdings über diese Phase des Kleingartenabenteuers hinaus, und die Tierfotografie lockt nach wie vor, reift sicherlich bei dem Einen oder Anderen die Idee, Tiere in der freien Natur zu beobachten und zu fotografieren, die größer und/oder wilder sind, als Vögel, Eichhörnchen und Igel. Einen guten Kompromiss zwischen „Vogeltränke“ und „Wildlife“ stellen Wildparks dar. Das sind wirklich gute Übungsfelder, und da ich das auch gerne testen wollte, bin ich kürzlich in einem Gehege auf Bilderpirsch gezogen. Nicht unweit meines Wohnortes liegt eine wunderbare Anlage, es handelt sich um die unmittelbar am Rothaarsteig gelegene Wisent-Welt Wittgenstein. Dort lebt in großartig angelegtem Areal eine Herde dieses größten europäischen Tieres. Über mögliche Ausrüstung und die fotografische Vorgehensweise möchte ich berichten, Tipps und Erfahrungen kundtun, und natürlich ein paar Ergebnisse präsentieren.
Zeit und Wetterlage
Wer Ruhe und ungestört wählbare Standorte auch innerhalb eines Tierparks bevorzugt, dem empfehle ich einen möglichst unfreundlichen Tag außerhalb der Schulferien… ;-) Das macht vor allem in Zoos Sinn. Aber selbst in einem so weitläufigen Gelände wie der Wisent-Welt lohnt der Plan, denn die recht überschaubare Zahl der Tiere lässt nur wenige gute Punkte zu, von denen aus man sie überhaupt tatsächlich sieht. Über lange Strecken wähnt man sich hier eher auf einem einsamen Waldspaziergang, der an einem Zaun entlangführt. Und dort, wo die Tiere dann zu finden sind, stehen zwangsläufig auch die Besucher.
Mein Tipp: Kaum ein Besucher hält sich wirklich lange an ein- und derselben Stelle auf, daher lohnt es, zu warten. Ungestörte Augenblicke an der optimalen Wunschposition ergeben sich bei etwas Geduld mit Sicherheit.
Kamera / Objektive / Ausrüstung
Der oft genutzte Satz, „Die beste Kamera ist die, die man besitzt“, klingt ausgenudelt, stimmt aber. Gute Fotos, auch in der Tierfotografie, können per Smartphone genauso gelingen, wie mit sündhaft teurem Fotoequipment. Aus meiner Perspektive erscheint mir allerdings sinnvoll, gerade in einem Wildpark eine etwas längere Brennweite zu verwenden, da sich die Distanz zum Objekt ja nicht beliebig verkürzen läßt. Wer, wie in meinem Fall, eine Systemkamera mit APS-C Sensor nutzt, dem spielt hierbei auch ein wenig der Crop-Faktor in die Karten, der aus einer 200er Brennweite auf gut 300mm Kleinbildformat verlängert. Für wirklich bombastische Fotos aus Distanzen wie unter gegebenen Umständen reicht aber selbst diese Brennweite nur so eben gerade, und auch ich hätte mir da mehr Reserven gewünscht.
Als empfehlenswert ist meines Erachtens bei solchen Unternehmungen auch immer ein Stativ. Selbst nach nur einer Stunde mit Kamera + Tele in der Hand wird die Sache ungemütlich, und bei der jetzt zunehmenden Kälte sowieso. Also besser Stativ mit montierter Kamera auf der Schulter tragen, und bei jedem Stopp sofort abstellen. Die von mir aufgesuchten Wisente können zwar schnell, sind aber vom Gemüt her eher beschaulich unterwegs und stehen auch recht oft ruhig an einer Stelle. Das macht den Einsatz eines Statives noch sinnhaltiger; schnelles Mitschwenken etc ist nahezu nie nötig. Sollte Bewegung in die Herde kommen, würde ich in dem Fall auch nie ganz auf ein Stativ verzichten, sondern dann ein Einbein-Stativ nutzen. Das stabilisiert in der Senkrechten ausreichend und lässt viel Bewegung zu. Auf die Verwendung von Filtern habe ich unter den vorliegenden Lichtverhältnissen und Aufnahmesituationen verzichtet.
Für meine Exkursion dabei: Als Kamera die X-T2. Für die Tiere das FUJINON XC 1:4,5-6,7 / 50-230 mm, und für die weiteren Aufnahmen das analoge 70er Jahre ASAHI PENTAX SMC Takumar 1.4/50 mm. Mein Stativ ist das Rollei Compact Traveller Mark 1.
Mein Tipp: Kreativ + beweglich bleiben! Einmal aufgestellte Dreibeine bleiben fataler Weise oft für viele Fotos an einem Fleck stehen. Das macht wenig Sinn. Alles Mögliche ausprobieren, das Stativ steht nicht in Zement. Genügend geladene Akkus in die warme Hosentasche stecken. Hoffe das Beste, rechne mit dem Schlimmsten, und sei auf alles vorbereitet…
Was noch?
An solchen Tagen gibt es nichts Schlimmeres, als Hunger, Durst, Kälte, mit in der Folge destruktiven Einflüssen auf das Fotografieren. Also habe ich mich diesbezüglich vorbereitet. Genügend Essen, Thermosflasche mit heißem Tee, dicke und dünne Handschuhe, Schal, Mütze, Daunenjacke, warme Unterwäsche, und vor allem: Gute Winterstiefel! Die beste Investition für Outdoor-Fotografie ist: Hervorragende Schuhe, denn die Kälte kommt bei langem Stehen über die Füße. Und da viel Stehen und Warten anstrengender ist, als teils vermutet, dürfen auch die Gelegenheiten genutzt werden, einfach mal die Füße hochzulegen oder sich, falls vorhanden, dem Luxus einer gemütlich warmen Gastronomie hinzugeben.
FUJI X-T2 mit ASAHI PENTAX SMC „Takumar“ 1:1.4/50mm
Vorgehensweise beim Fotografieren von Tieren
Selbst hier in der geschützten und räumlich beherrschbaren Umgebung eines Wildgeheges braucht es Zeit für gute Fotografie. Am Zaun entlang streunen, schauen und warten, ist die einzige Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven zu finden, wenn es sie denn überhaupt gibt. So ist das halt im Tierpark. Wessen Stärke nicht gerade langes Ausharren und Stillsitzen ist (und da zähle ich mich hinzu…), der kann die Wartezeiten in der Wisent-Welt mit „Waldfotografie“ füllen. Im natürlichen Durcheinander eines Waldes herausstechende Linien, Symmetrien und Motive unter ansprechenden Lichtverhältnissen zu erkennen, ist eine Herausforderung für sich.
Mein Tipp: Sich nicht selbst unter Druck setzen. In Zoos, Wildgehegen oder solchen Anlagen wie der Wisent-Welt gibt es nicht nur Tiere. Mit offenen Augen umschauen, genießt die Zeit; es wimmelt nur so von besonderen und lohnenden Motiven.
Aufnahmetechniken
Alles ist erlaubt, außer Bilder verwackeln! Die dementsprechend möglichst kurz zu wählenden Verschlusszeiten machen bei dem eher diffusen Licht nötig, mit deutlich höheren ISO-Werten zu fotografieren. Gerade bei den Kameras der heutigen Generationen ist das auch problemlos machbar. Das einzige, was hier also wirklich rauscht, ist der Wald. Keine Skrupel, sondern rauf mit dem ISO-Wert! Außerdem ist hilfreich, möglichst viele Fotos zu erstellen. Damit meine ich nicht, unkonzentriert auf Serienbild, und Feuer frei. Aber einige Fotos zusätzlich bei ähnlicher Ausgangssituation schaffen Vielfalt und Auswahl für hinterher, denn die Wahrscheinlichkeit von Ausschuss ist gerade im Genre Tierfotografie recht hoch.
Mein Tipp: Es macht Sinn, sich regelmäßig konkret bewußt zu machen, mit welchen Einstellungen an der Kamera jeweils gearbeitet wird. Auch da schleichen sich Bequemlichkeiten und Gewohnheiten ein, die nicht zwingend optimal für den aktuellen Einsatz sind, aber gerne pauschal angewandt werden.
Bildaufbau
Nichts ist faszinierender und fesselnder, als Tiere vor der Linse zu haben. Das verführt aber nur allzu leicht, dem Rest des Bildes die Aufmerksamkeit zu entziehen. Also bitte trotz aller Euphorie (oder ist das schon Jagdinstinkt?) das gesamte Motiv „im Blick behalten“. Beachten von Vordergrund, Drittelregel, goldener Schnitt etc sind auch hier hilfreiche Gestaltungsmittel. Gut in Szene gesetzt sind Tiere auf Augenhöhe, oder von etwas darunter. Von oben herab fotografiert sieht das fast immer seltsam beobachtend aus, und die Situation wirkt automatisch unnatürlich. Wie auch bei Portraits sollte wenigstens ein Auge des Tieres zu sehen sein. Zugegeben, im Wildpark am Zaun stehend ist das alles relativ zu sehen. Aber alleine der Umstand, dran zu denken, schult das Auge. Also lieber den Umständen geschuldet das Beste draus machen, statt gar nicht dran zu denken.
Mein Tipp: Auch in Zoo und Tierpark: Setzt die für das Tier typische Stimmung so gut es eben machbar ist in Szene.
FUJI X-T2 mit FUJINON XC 1:4,5-6,7 / 50-230 mm
Zum guten Schluß
Mein Tipp: Dranbleiben, jede verpasste Gelegenheit ist eine verpasste Gelegenheit!
Für mich sind diese Gelegenheiten, Tiere vor die Kamera zu bekommen, eine willkommene Abwechslung zu den Themenbereichen, in denen ich sonst aktiv bin. Von daher möchte ich nicht behaupten wollen, ein guter, routinierter Tierfotograf zu sein. Das ist auch nicht zwingend nötig, denn es macht auch so richtig Spass, einfach mal was nicht so Bevorzugtes auszuprobieren. Man merkt durchaus, was gut oder weniger gut gelingt dabei, und das sind wie immer die Stellen, an denen man sich entwickeln kann. Euch weiterhin viel Freude und Erfolg „hinter´m Sucher“, und vielen herzlichen Dank für das Interesse am Artikel!
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Lieber Dirk,
ich finde viele Deiner Bilder sehr schön, vor allem Deine „Beschränkung“ auf 50 mm, was ja bei der Fuji eigentlich 80 mm darstellt.
Seinerzeit zu Leica-Zeiten in den 1980er Jahren hielten etliche Fotografen noch Diavorträge, die in kleineren Lokalitäten anzusehen waren. Dabei waren auch etliche Fotografen, die nur mit dem Summilux 1,4/80 mm unterwegs waren und der Meinung waren, wenn sich ein Motiv mit dieser Brennweite darstellen lässt, dann kann auch jede andere Brennweite herangezogen werden.
Also ich die 2400 DM dann übrig hatte (es gab früher noch so was wie Weihnachtsgeld), da hat dieses 80er mein 50er abgelöst. Wenn gleich das 50 und 35er immer noch dabei war.
Leider ist aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen dieses 80er heute für die digitalen Kameras nicht ganz so geeignet, weil es offenbar im Inneren zu viel Streuungen gibt, die bei der chemischen Fotografie nicht aufgefallen sind. Stattdessen verwende ich gerne das 90er, was allerdings ein 2,8 ist und daher nicht ganz den Freistellungseffekt bringt.
Dazu kommt natürlich, dass bei dem 1,4er das Spiel mit der Unschärfe zu einem wirklich interessanten Ergebnis führen kann, was Deine Bilder beweisen.
Ich persönlich versuche beides, einmal freistellen und das andere Mal muss das Bild von vorn bis hinten scharf sein. Gerade bei Landschaften (mit oder auch ohne Zug) ist es mir wichtig.
Aber dennoch ist es schön, einmal „anders“ zu fotografieren und einfach mal mit einem anderen Equipment unterwegs zu sein, auch wenn dann in der Beschränkung der Meister gefunden werden muss!
In dem Sinne – gut Licht – gerade in der lichtarmen Winterszeit
LG Klaus
Lieber Klaus,
herzlichen Dank für deinen Blick auf meine Fotos, wie auch für die Infos aus der „guten alten Zeit“. In einem erlaube ich mir eine Anmerkung, und zwar zum vermeintlichen Cropfaktor. Da ich einen Fokalreduktor mit eingesetzter Linse verwende, bleiben die 50mm tatsächlich nahezu erhalten. Ich werde dazu beizeiten mal einen eigenen Beitrag verfassen, ist wirklich spannend!
Herzlich, Dirk