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Reisen mit der Fuji GFX – Erfahrungsbericht

Schon wieder Eisregen und Sturm! Wie auch schon letztes Jahr mit der Fuji GFX50s, hatte uns auch dieses Jahr das Wetter wieder fest im Griff. Wir sitzen zusammengekauert im Windschutz eines Felsens und bereiten uns eine warme Instantsuppe für die Mittagspause zu.

Reisen mit der Fuji GFX - Erfahrungsbericht - GFX100s 2021 3

Hier draußen, wo neben der Bewegung, die Energie der Nahrung die einzige Wärmequelle ist, muss man sich manchmal zu diesen Pausen zwingen. Mengen- und gewichtsmäßig ist es nicht viel, was wir an Nahrung pro Tag dabeihaben. Alles ist hinsichtlich Volumen und Gewicht optimiert worden, einzig Kilojoule pro 100gr interessierten uns. Während ich in Vorfreude das heiße Wasser auf die Nudeln in der Tasse gieße, fällt mein Blick auf die Fototaschen, die geschützt unter einem Felsvorsprung stehen. Gewichtsoptimiert, volumenoptimiert? So ganz stimmt das für die diesjährige Fotoausrüstung schon wieder mal nicht.

Erfahrungsbericht Reisen mit Fuji GFX 100S GFX 50S

I did it again, mit GFX/s – s, wie Sumpf und Schnee – im Fjäll über dem Polarkreis

Nachdenklich schaue ich auf die im heißen Wasser schwimmenden Nudeln und denke: „Warum nimmt man in diese raue Gegend mit solch einer Fotoausrüstung Dinge mit, die eigentlich für ein Überleben in der Wildnis völlig unnötig sind?“ über die letzten Tage nach. …

Fujifilm Deutschland hatte mir freundlicherweise eine GFX100s und das GF250mm inkl. des 1.4 Konverter, kostenfrei zum Testen geliehen. Ergänzt hatte ich das Ganze durch das eigene GF45-100mm, einem 24mm Tilt/Shift Fremdobjektiv, Stativ und diverse Graufilter. Nachdem ich letztes Jahr die GFX50s auf einer technisch anspruchsvollen Tour mit dem Focus „Top Zeltspots im Sarek Nationalpark“ testete, sprach dieses Jahr eigentlich nichts dagegen noch einmal mit Mittelformat, der GFX100s und dem GF250, 3kg mehr mitzunehmen. Ziel war dieses Jahr „Sarek Nationalpark entlang von Flüssen und Seen“.

Reisen mit der Fuji GFX - Erfahrungsbericht - Bernhard Labestin
Reisen mit der Fuji GFX – Erfahrungsbericht – Bernhard Labestin

Für Fuji und das Mittelformat sprachen neben der extremen Qualität, welche für Großformate in meinen Vernissagen wichtig sind, unter anderem auch, dass ich die Fn-Tasten an den GFX genau so belegen konnte wie an meiner x-pro 2; ein deutlicher Vorteil, wenn ich zwischen den Systemen wechsle – ich muss mich nicht erst umgewöhnen. Vom Bedienkonzept her scheint die GFX100s eine gänzlich andere Kamera als meine x-pro 2 oder ihre Mittelformatvorgänger. Kein Retrodesign, dafür ein PSMA Wahlrad und ISO soll über elektronische Räder eingestellt werden. Meine „Nostalgie-Gene“ lehnten sich erst einmal auf. Immerhin war für die Finger ein Wiedererkennungseffekt gegeben, da ich die Fn Tasten schnell so belegte, wie ich es gewohnt war. Doch schon beim ersten Probeshooting im Garten erkannte ich, dass es eigentlich komfortabel ist, die ISO Einstellung (sofern man Auto-Iso nicht mag) mit dem rechten Zeigefinger am Wahlrad vorzunehmen. Ein Umstand, den ich bei den extremen Lichtunterschieden über dem Polarkreis noch öfter zu schätzen lernte.

Auch wenn die GFX100s extrem kompakt ist, wurde beim Zusammenstellen der Ausrüstung schnell klar, dass nicht das Gehäuse signifikant zu Volumen und Gewicht beiträgt – es sind die Objektive. Klar, die GFX50s ist größer, die X-pro 2 etwas kleiner aber bedenklich wird es erst, wenn x- und GF Optiken mit etwa gleichen Werten nebeneinander liegen.
So werden aus etwa 3kg „X-Gesamtfotoausrüstung“ schnell 10kg, die zu den 18kg Trekkingausrüstung hinzukommen. 7kg Unterschied, wovon 3kg auf die GFX100s mit aufgesetztem GF250mm fallen, das entspricht insgesamt ungefähr für 20 Tage Lebensmittel auf der Tour … oder 5 Flaschen Whisky inkl. Zigarren und Schokolade.

Auf die GFX und mich warteten Stark- und Eisregen, Frost, Sturm und Sonne. In meine bisherige Bereitschaftstasche – eine Toploader passte die Kamera mit dem GF45-100mm. Um das Gewicht nicht ständig im Nacken zu haben, konstruierte ich eine Aufhängung an den Schultergurt-Ösen des Rucksacks. Die Wechselobjektive trug ich in je einer am Hüftgurt befestigten Objektivtasche. Alles noch einmal zusätzlich in wasserdichte Beutel verpackt.

Reisen mit der Fuji GFX - Erfahrungsbericht - DSCF9480 1

Denn kein Regenschutz der Fototaschen hält 10 Stunden Starkregen stand, wie er uns erwartete. Später, als der Rucksack leerer wurde, kam das GF250mm direkt mit Öffnung der Objektivtasche nach außen unter die Deckeltasche. Im Verlauf der Wanderung zeigte sich zwar der Vorteil von wettergeschützten Objektiven, trotzdem hat sich das ein oder andere Mal ein Objektivwechsel wetterbedingt verboten.

Der erste Tag ermöglichte es mir dann auch gleich, die Kamera bei Eisregen und starkem Wind zu testen. Auch ohne Regencover tat sie zuverlässig ihren Dienst. Und selbstredend baut man bei solchen Wetterverhältnissen auch kein Stativ auf. Der IBIS musste reichen. Den Joystick an der GFX50s finde ich persönlich gelungener. Er läuft geschmeidiger und springt nicht. Vielleicht war meiner am Leihgerät der GFX100s auch nur lädiert. Die GFX100s ist sehr griffig, sie liegt gut in der Hand und die Bedienelemente liegen optimal. Die Umstellung auf das PSMA Wahlrad war problemlos.

Immerhin fing der zweite Tag besser an. Es war ein einheitlich grauer Himmel und fast windstill. Die Herausforderung an solchen Touren ist, dass keine Möglichkeit besteht, am nächsten Tag für neue Aufnahmen wieder an den gleichen Ort zu gehen. Auch bringen Tagesziele mit sich, dass Strecke gegangen werden muss und weniger Zeit bleibt, sich in Ruhe zu konzentrieren und zu fotografieren. Die ungeheure Reserve der 100mpx geben aber einem die Möglichkeit in der Nachbearbeitung komplett andere Ausschnitte zu wählen, ohne, dass man bei herkömmlicher Verwendung einen Qualitätsverlust im Print sieht. Einmal sahen wir in der Ferne einen sich bewegenden braunen Fleck. Ich fotografierte diesen bei 100mm und zoomte ihn im Display heran. Wo vorher nur ein kaum erkennbarer brauner Stecknadelkopf war, ließ sich bis zu Details der Fellzeichnung ein Rentier vergrößern – Wahnsinn. Sich mit dem GFX250 auf Lauer zu legen, war bei der Zeit, die wir uns vorgegeben haben leider nicht möglich. Gerne hätte ich es im Shooting mit Elchen getestet. Die vier Fokusknöpfe im vorderen Bereich machen einen riesen Spaß und sind extrem hilfreich. Der Autofokus ist schnell, leise und präzise.

Später mussten wir immer wieder auf unserem Pfad Böschungen hinabsteigen, die Gletscherabflüsse in die Landschaft geschnitten hatten. Und nicht immer war ersichtlich, wie wir auf der anderen Seite wieder hinaufkommen sollten. Oftmals nutzen wir diese Momente zur Pause an den schönen Bächen – eine Gelegenheit hier auch ein paar Aufnahmen flach über das Wasser zu machen. Im Vergleich zur GFX50s lässt sich an der GFX100s kein Tiltsucher befestigen. Das Display der GFX100s lässt sich zwar prima nutzen, doch ich als Brillenträger mag dann doch lieber den auf meine Dioptrien angepassten Winkelsucher, insbesondere, wenn die Sonne tief steht und sich im Display spiegelt. Hier könnte Fuji die Option eines einfachen optischen Aufstecksuchers – ebenfalls für die xSerie – prüfen. Zu analogen Zeiten boten Kamerahersteller diese als Ergänzung an. Warum also nicht im digitalen Zeitalter anbieten? Es muss nicht gleich ein Tiltsucher mit allen Finessen sein. Das ist aber Ansichtssache und die Gewichtung hängt von der Art der Fotografie ab, die man macht.

Praktisch ist bei der GFX100s dafür die vorhandene Lademöglichkeit mittels Powerbank. Gerade im Outdoorbereich, wo die nächste Steckdose einige 100km entfernt sein kann, ein Vorteil gegenüber der GFX50s etc.. Allerdings könnte in der Bedienungsanleitung zum IBIS besser darauf hingewiesen werden, dass der Schalter am Objektiv Vorrang hat und es bei adaptierten Objektiven mit elektronischem Adapter ggf. dazu kommen kann, dass sich der IBIS nicht abschalten lässt, wenn die Software des Adapters nicht für die GFX100s aktualisiert wurde. (Bei mir Techart mit Canon TS-E 24mm). Ich habe hier aber unterschiedliche Hinweise bekommen. Während Fuji auf die Software des Adapters verwies, äußerte ein Besitzer einer GFX100s, dass es ein Preproduktionmodell bei meiner sein könne, denn er habe keine Probleme mit oben genannter Kombination.

Alles in allem sind die GFX100s und die GFX50s hervorragende Werkzeuge und wie so oft sollte man eine Wahl vom Ende her treffen. Was hat man mit den Bildern vor? Kommt es auf das letzte Quäntchen Qualität an oder reicht das kompaktere aber ebenfalls hervorragende x-System.

… Aber es hilft alles nichts, wir müssen wieder aus dem Windschatten raus und hinein in den Eisregen. Während mein Sohn mir noch dabei hilft, die Trageriemen der Fototasche am Rucksack zu befestigen wird mir klar, warum man in diese raue Gegend Dinge mitnimmt, die eigentlich für ein Überleben hier völlig unnötig sind „Weil Leben mehr ist als Essen und Trinken …. insbesondere in Zeiten, wo Klamm das neue Trocken ist.“

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© Bernhard Labestin – Reisen mit der Fuji GFX – Erfahrungsbericht


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Bernhard Labestin

Bernhard Labestin, 1967 in Frankfurt am Main geboren, ist Vater zweier Kinder und lebt mit seiner Frau Andrea und zwei Katzen in Ingelheim. Galt seine Kreativität im Kindesalter noch dem Töpfern, wurde er von seinem Vater an ein weiteres künstlerisches Ausdrucksmittel, herangeführt: die Fotografie. Anfangs galt sein Interesse insbesondere der Reisefotografie. Dabei folgte er dem Duktus, Gegenstände und Sujets einfach so abzubilden, wie er sie sah und nicht unbedingt so, wie es Betrachtende erwarteten.

In dem Wissen, dass ein beruflicher Werdegang in der Kunstbranche notwendigerweise Kompromisse für den Markt mit sich bringen und somit seinen in der Fotografie realisierbaren Freiheitsdrang determinieren könnte, entschied er sich für eine Laufbahn im Berufsfeld der Naturwissenschaften. Die Kamera blieb dennoch seine ständige Begleiterin: Auch heute noch darf die Fotoausrüstung trotz begrenztem Reisegepäck auf seinen Solo-Trekking-Touren über den Polarkreis nicht fehlen.

Diese Reisen führten ihn zudem zu einer essentiellen Erkenntnis:

Es ist nicht so wichtig, die Grenzen ferner Länder zu überschreiten, sondern vielmehr die Grenzen in uns selbst. Es liegt an uns selbst, ob wir uns auf das größte aller Abenteuer, das Abenteuer Leben, einlassen und uns nach ihm ausrichten, oder nicht. Wir können immer wieder etwas angehen, vor dem wir uns fürchten, das wir nicht zu schaffen glauben, das wir noch nie versucht oder im Laufe der Zeit aufgegeben haben. Denn der Tod ist nicht die größte Katastrophe – die größte Katastrophe wäre, wenn Werke, wenn Werte, wenn das, was uns wichtig ist, durch Unterlassen – praktisch durch einen Tod im Leben – liegen bliebe:

“Deswegen bedenke nicht, dass du sterblich bist, sondern werde dir gewahr, dass du lebst. Du lebst nicht nur einmal, sondern Du stirbst nur einmal – lebst aber jeden Tag.”

Aus dieser Erkenntnis leitet sich auch die Maxime seiner Werke der Neuen Emotionalen Sachlichkeit ab.

Journalist, Fotograf, Fototrainer Peter Roskothen

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