Shirley MacLaine hat es getan, DJ Ötzi auch und Hape Kerkeling natürlich sowieso. Und ich? Ich durfte nicht. Corona sei es geklagt: Ein winzig kleines Virus hat mir den Jakobsweg verbarrikadiert, wie man es sonst nur von einem Erdrutsch kennt. Unglaublich, immer noch, obwohl die Situation natürlich durchaus erdrutschartige Züge hatte. Stellvertretend für mich habe ich deshalb in meinem Projekt „Die Wanderausstellung“ einige meiner Fotografien auf Pilgerschaft geschickt und dabei so unglaublich viel über die Fotografie, das Leben und über mich gelernt, als hätte ich mir selber in Spaniens Norden die Füße wund gelatscht.
Inhaltsverzeichnis
Nur noch kurz die Welt retten – und das mit der Kamera!
Vielleicht war ja alles bis zum Beginn meines Fotoprojekts schon so eine Art Pilgerreise, schließlich haben zahlreiche Erlebnisse und Erfahrungen mein Herz und Hirn bearbeitet wie ein Bildhauer seinen Holzklotz und mich zu dem gemacht, was ich heute bin: Hobbyfotograf mit großem Faible für die abstrakte Fotografie, gelegentlichen bis häufigen Selbstzweifeln und der festen Überzeugung, dass man durch das Fotografieren sich selbst und seinen Mitmenschen etwas Gutes tun kann.
Nachdem die Pandemie zu Beginn des Jahres 2020 nicht nur mir den Jakobsweg, sondern uns allen den Weg ins Museum und den Zugang zur Kultur im Allgemeinen verrammelt hatte, wollte ich versuchen, wie klassische Bergwachtler auch, den Weg von der anderen Seite her freizuschaufeln: Wenn die Menschen nicht zu den Bildern kommen können, dann will ich versuchen, einen Weg zu finden, auf dem die Bilder zu den Menschen kommen können. Ich nahm mir vor, einige meiner Fotografien zu verschenken, getragen von der Hoffnung, dass die Beschenkten dadurch Freude empfinden und manches Bild vielleicht sogar noch in der Lage sein könnte andere positive Emotionen zu wecken. Kurz zuvor war ich über eine Untersuchung gestolpert, die zu Tage gebracht hatte, dass es für unser Glücksempfinden völlig unerheblich sei,ob wir selber etwas geschenkt bekommen oder ob wir anderen etwas Schönes zukommen lassen. Die Neuronen, die dabei aktiv sind, sind immer dieselben und sie tun auch immer dasselbe: Sie lösen in uns ein gutes Gefühl aus. Wer jemals als Schenkender unter dem Weihnachtsbaum in strahlende Kinderaugen geblickt hat, wird jetzt eventuell anmerken wollen, dass dazu keine wissenschaftliche Untersuchung, sondern nur eine Portion Lebenserfahrung nötig sei. Mag sein, aber für mich war eben jene Untersuchung der Anlass, meinen Beschenkten durch einen kleinen Aufdruck auf der Bildrückseite mitzuteilen, dass diese Schenkung auf drei Wochen befristet sei und das Foto dann bitteschön weiterverschenkt werden solle. Mission: Welt verbessern, Taktik: doppelte Portion Glück für alle durch a) Bekommen und b) Verschenken.
Wie es von einem anständigen Bürger im 21. Jahrhundert erwartet wird, plagt natürlich auch mich ein kleines bisschen Fomo und deshalb habe ich den Rückseitenaufdruck noch durch die Bitte ergänzt, mir per e-mail eine Rückmeldung über Gedanken und Gefühle beim Schenken und Empfangen zu geben. Damit war es geschafft: Mein Wunschkind, mein Baby, mein Projekt „Die Wanderausstellung“ hatte das Licht der Welt erblickt.
Gleich nach dem legendären Klaps auf den Popo zeigte der Winzling dann auch gleich eine erstaunliche Vitalität. Tatsächlich erreichten mich e-mails, in denen sich Menschen für das Foto bedankten, zum Teil wurden aber auch sehr tiefgründige Gedanken und Erfahrungen mit mir geteilt und mir wurde schnell klar, dass ich das alles nicht für mich behalten möchte, weil es sich offenbar um Gedanken handelte, von denen auch andere Menschen profitieren können. Ich zündete also Projektstufe zwei und machte mich an die Arbeit, alles rund um die Wanderausstellung in einem Büchlein zusammenzufassen. Einen kleinen Auszug daraus möchte ich an dieser Stelle wiedergeben:
Farbflash
Der amerikanische Schriftstelle Leo Lionni lässt seinen Helden, die kleine Maus Frederick, weise voraus schauen und während alle anderen Mäuse eifrig damit beschäftigt sind Getreide, Nüsse und andere Leckereien zu sammeln und für den nahenden Winter einzulagern, daran denken, dass der Mensch und offenbar auch die Maus nicht vom Brot allein lebt. Bittere Vorwürfe muss sich das kleine Cleverle von den anderen Mäusen anhören, weil er mutmaßlich nur da sitzt und träumt, während alle anderen hart schuften. Bis er die Ignoranten dann aufklärt, dass er keineswegs nur mit seinen Tagträumen beschäftigt ist, sondern ebenfalls Vorräte für strenge Zeiten sammelt. Frederick sammelt Farben für den langen, grauen Winter und nachdem in der kalten Jahreszeit alles Verfügbare aufgefuttert ist, packt er seine Seelenwärmer aus und bringt so seine Truppe durch die harte Zeit.
Wenn man diese erwärmende Geschichte kennt, kann man vielleicht nachvollziehen, wie sehr mich die Nachricht freut, dass es da jemanden gibt, dem an einem Bild aus der Wanderausstellung vor allem die Farben gut getan haben. Und zwar offenbar je nach Stimmung mal eher der eine oder Tage später auch der andere Farbton.
Auch an der zweiten Station, die das Bild erreicht, tun die Farben ganz offensichtlich ihren Dienst. Es werden ihnen dort sogar noch magische Kräfte zugesprochen, denn während der Betrachter sehnsüchtig auf den beginnenden Frühling wartet, erinnert das Bild an den kalten Tagen offenbar an die züngelnden Flammen eines wärmenden Kaminfeuers und wenn es draußen schon etwas gemütlicher wird, dann darf an aufblühende Tulpen gedacht werden und das Bild nährt Vorfreude. Über andere Bilder wird mir geschrieben, dass sie ihre Besitzer auf Zeit an eine beeindruckende Dokumentation oder an ein Stück Regenbogen erinnern.
„Mit Farben können wir Menschen jenseits aller Worte erreichen und das ist oft sehr heilsam“, bringt die Paramentenkünstlerin Beate Baberske aus Neuendettelsau die Erfahrungen auf den Punkt, die mir aus vielen Rückmeldungen entgegenlächeln.
Ich wünsche allen einen großen Speicher an Farben, Träumen und guten Gedanken für graue Tage.
Zu erfahren, dass ich durch mein Bild für manche ein kleines bisschen Frederick sein durfte und ein paar Körnchen in so ein Farbensilo eingebunkert werden konnten, ist mir ein inneres Bratkartoffelessen – echt wahr.
Gestartet bin ich mit dem Gefühl, dass Fotografie sowohl den Fotografierenden, als auch den Betrachtenden Gutes tun kann, mit der Wanderausstellung habe ich nun eine Zwischenstation erreicht und das Gefühl hat Platz gemacht für die sichere Überzeugung und jetzt bin ich gespannt, auf alles, was noch kommt.
Die Wanderausstellung
Wer gerne noch mehr darüber lesen möchte, dem lege ich mein Buch „Die Wanderausstellung“ ans Herz. Es ist zum Preis von 7,99€ als Taschenbuch oder für 2,99€ als e-book erschienen. Erhältlich ist es bei den Großen des Internets (https://www.epubli.de/shop/buch/Die-Wanderausstellung-Gerd-Pregel_9783754127001/114839) oder natürlich auch beim lokalen Lieblingsbuchhändler.
Übrigens behalte ich auch hier meine Doppelglückstaktik bei: Ich freue mich natürlich über jeden Verkauf und ich lasse dann meine Neuronen gleich nochmal feuern, indem ich mein komplettes Autorenhonorar an das Kinderwerk Lima (www.kinderwerk-lima.de) spende. Das klappt! Wirklich!
- Pregel, Gerd (Author)
Gastbeitrag von Gerd Pregel – Nur noch kurz die Welt retten – und das mit der Kamera!
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Ich halte das für eine ganz wunderbare Idee, habe das Buch sofort bestellt.
Hallo,
ich hatte mir das Buch gleich nach der Empfehlung gekauft und dachte mir:
“Wie kaum Bilder? Kaum eine Möglichkeit der Inspiration?”.
Doch weit gefehlt. Ein wirklich toller Text durch die Auf und Ab, die Motivation und die Selbstzweifel. Toll geschrieben, kurzweilig und nicht zuletzt wirklich inspirierend.
Lieben Dank für das Vorstellen des Projektes.
Liebe Grüße,
Bernhard Labestin
Hallo Herr Pregel,
ein großartige Idee, toll umgesetztund sehr schöne, beeindruckende Aufnahmen.
Gerne unterstützte ich ihr Projekt.
Gerade in unserer heutigen Zeit ist sehr wichtig sich auf die schönen und wertvollen Dinge im Leben zu konzentrieren. Die Fotografie kann dabei helfen einen anderen Blick, eine andere Perspektive zu bekommen. Es sind doch die vielen kleinen Dinge die das Leben lebenswert machen.
Viel Erfolg und liebe Grüße
Klaus Kopp
Sehr geehrter Herr Pregel,
bei mir ist zwar keines ihrer Fotos angekommen, dafür aber etwas anderes: Ihr schönes Büchlein!
Nachdem ich nun ihren Artikel, wie auch das Buch habe lesen dürfen, sind mir ein paar Dinge sehr deutlich geworden. Sie haben eine angenehm kurzweilige Art zu schreiben, ich mag den Stil des Büchleins, und ich finde ihre Aktion als solche richtig klasse. Mir hat das alles rundherum viel Spass gemacht und auch nochmal einige Anregungen zu Geben & Nehmen gegeben, danke sehr!
Witziger Weise habe ich letztes Jahr im Advent bei uns in der Stadt auch Fotos auf Reisen geschickt. Die hatten alle was mit “Licht” zu tun, hatten ein paar verschriftlichte Gedanken auf der Rückseite, und wurden von mir in der Stadt “ausgesetzt”. Sowas ist wirklich sehr reizvoll.
Ihnen alles Gute für die fotografische Gegenwart!
Herzliche Grüße, Dirk Trampedach
Ein ganz herzliches Dankeschön an alle, die sich die Mühe gemacht haben, hier einen Kommentar zu hinterlassen. Ich habe mich sehr darüber gefreut.