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Moskito meets Mittelformat – Mit der Fuji GFX50s im Fjäll über dem Polarkreis

Eisregen! Fest eingehüllt in meine Gore-Tex-Kleidung sitze ich im Sarek-Nationalpark über dem Polarkreis in Nordschweden und sehe meinem Sohn beim Durchfurten eines Gletscherabflusses zu. Während kalter Wind den Eisregen quer über das Land fegt, stelle ich mir die seit 35 Jahren immer wieder gleiche Frage:

35 Jahre – ist es wirklich schon so lange her, seit ich das erste Mal hier oben auf Tour war? Auch damals war Ausrüstungsoptimierung wichtig. Klein und leicht bei gleichzeitig hoher Qualität und Zuverlässigkeit. Bei meiner ersten Tour im Sarek Mitte der 80er Jahre hatte ich meine neu erworbene Olympus OM4 dabei. Die Batterielebensdauer spielte bei den damaligen Knopfzellen keine Rolle und mit 20 Dia-Kleinbildfilmen für über 700 Bilder galt man als überversorgt. Verschlusszeit und Blende waren Vertraute und die Iso-Zahl wurde durch den Film vorgegeben, der nach 36 Aufnahmen gewechselt werden musste. Und vor allem wurde mit der Ressource Film bewusst umgegangen. Heute ist das anders. Eine Kamera, bei welcher nach ca. 400 Bildern der Akku gewechselt werden muss, gilt als Stromfresser oder unpraktisch. Die Filme unserer heutigen Zeit, die Speicherkarten, fassen Aufnahmen in vierstelliger Anzahl. Anstelle von Kleinbildfilmen werden Akkus oder Powerbanks eingepackt.

Moskito meets Mittelformat – Mit der Fuji GFX50s im Fjäll über dem Polarkreis - Foto: Bernhard Labestin

Moskito meets Mittelformat – Mit der Fuji GFX50s im Fjäll über dem Polarkreis

Als ich vor einigen Jahren im APS-C System auf die X-Pro 2 stieß, war ich überglücklich. Ein System, welches nicht nur Kompaktheit bei hoher Qualität bot, sondern auch noch Zuverlässigkeit, und mit seinem Retrodesign Freude beim in die Hand Nehmen mitbrachte. Die Kamera unterstützt mich bei meiner sonst üblichen Fotografie, welche genau genommen weit entfernt von den Genres Reportage oder Landschaft ist. In meiner Art der Fotografie begegnet man den Eindrücken eines Moments mit einer inneren achtsamen Haltung. So ist Fotografie für mich nicht nur Kunst, sondern auch Philosophie. Mir geht es sonst eigentlich nicht darum, wie es viele Reportagefotografen versuchen, die Stimmung zu vermitteln, sondern darum, die Gegenstände aus ihrer eigenen Sicht heraus zu fühlen: sich in das Motiv hineinzuversetzen. In diesem Sinne verstehe ich unter Selfies in der Fotografie nicht Bilder von sich, sondern von seinem ICH: um zu erkennen, zu verstehen und den Kern eines authentischen Selbsts freizulegen, der unter den Konditionierungen und Sozialisierungen des Umfeldes und der Erziehung vergraben wurde. Meine Art von Fotografien zeigen in diesem Sinne keine Sehnsuchtsorte. Sie dienen vielmehr als Kontrastfolie, vor der sich der Alltag wie aus einem Nebel herauslöst und schärfer konstruiert. Was sind dann meine Fotografien eigentlich? Sind sie ehrlich, sind sie manipuliert oder bearbeitet? Wenn wir bedenken, dass schon allein die Auswahl des Objektivs Einfluss auf die Aussage eines Bildes hat, bedarf es nicht erst der Retusche mittels Software. Und selbst da hört der Einfluss der Kreativität nicht auf. In Zeiten, da die meisten Bilder nur auf dem Bildschirm eines Handys betrachtet werden, muss man daran erinnern: Es macht einen deutlichen Unterschied in der Aussage, ob Fotografien auf Papier, Glas, Metall oder Holz entwickelt werden. Den größten Einfluss auf die Wirkung eines Bildes haben aber die Betrachter selbst, ihre Empfindungen, ihre Erlebnisse, ihr eigener Lebensweg.

Sarek-Nationalpark über dem Polarkreis in Nordschweden - Foto: Bernhard Labestin
Sarek-Nationalpark über dem Polarkreis in Nordschweden – Foto: Bernhard Labestin

GFX 50S für Vernissagen

Um die Wechselwirkung zwischen Motiv und inneren Empfindungen zu verstärken, entstand bei mir der Gedanke, in den nächsten Vernissagen Fotografien in Übergröße auszustellen. Diese Vorstellung wollte ich mit einer GFX50 umsetzen. Für Reportage schien die GFX50r geeigneter, doch ich sah in dem Winkelsucher EVF-TL1 der GFX50s, welche wohl mehr für „S“tudio entwickelt wurde, ein extrem praktisches Hilfsmittel. Gegen Vollformat eines anderen Herstellers und für Fuji und das Mittelformat sprachen auch, dass ich die Fn-Tasten an den GFX50 genau so belegen konnte wie an meiner x-pro 2; ein deutlicher Vorteil, wenn ich zwischen den Systemen wechsle – ich muss mich nicht erst umgewöhnen. Auch kommen die Fuji GFX meiner Art des „bewussten Fotografierens“ entgegen.

Planung der Tour

Bei der Planung meiner jährlichen Tour in den hohen Norden, abseits von Internet- oder Mobilempfang, dachte ich mir, es könnte eine gute Idee sein, das „sich Finden“ auf einer Wanderung im einsamen Norden mit dem „sich Fokussieren“ beim Fotografieren mit meiner neuen Mittelformat zu verbinden. Natürlich widersprach dieser Gedanke der Grundregel, keine unnötige Last mitzunehmen. Die x-pro 2 wiegt mit dem xf 18-55mm F2.8-4 in etwa 1,5kg, die GFX50s mit vergleichbarer Brennweite des GF 45-100mm F4 etwa 3,5kg. 2kg mehr Gewicht, was könnte ich da an Luxusartikeln im Rucksack mitnehmen: Schokolade, Whisky, Zigarren. Oder einfach noch das xf100-400mm f4.5-5.6. Am Ende entschied jene gesunde Unvernunft, die das Leben lebenswert macht: Ich wollte die GFX50s auf einer Tour über dem Polarkreis testen. Neben der Kamera inkl. Winkelsucher EVF-TL1 und GF 45-100mm F4 kamen noch das GF 23mm F4 und der Makroring MCEX 18G, sechs Akkus, diverse Graufilter und für Langzeitaufnahmen ein Carbonstativ sowie das Flachstativ Platypodmax mit in das Gepäck. Der über die Jahre von 30kg auf 16kg optimierte Rucksack wurde plötzlich mit 7kg Fotoausrüstung ergänzt. Ich ignorierte, dass ich mir für die Optimierung das Gewicht förmlich von den Rippen oder der Hüfte absparte, indem ich die Nahrung von 800gr auf 350gr pro Tag reduzierte.

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Auf die GFX50s und mich warteten Stark- und Eisregen, Frost, Sturm und Sonne. Immerhin musste ich mir keine Gedanken über Kondenswasser durch wechselnde Temperaturen zwischen draußen und drinnen machen, die Kamera würde ja so wie wir die Nacht bei unter 0°C im Zelt verbringen. Ehrlich gesagt machte ich mir keine Sorgen darüber, ob ich bei diesen Verhältnissen fotografieren könnte. Ich verließ mich voll auf die Entwickler von Fuji. Zwei andere Gedanken beschäftigten mich viel mehr: Zum einen, wie will ich die Kamera und das Zubehör tragen, so dass ich sie ständig in Bereitschaft halten kann; und wie kann ich sie gleichzeitig bei einem Sturz in schwerem Gelände vor Beschädigung schützen. Nach einigem Suchen fand ich die Bereitschaftstasche Pro 75 AW II von Lowepro. In diese passte bis auf das Wechselobjektiv und das Tripod die gesamte Ausrüstung. Um das Gewicht nicht ständig im Nacken zu haben, konstruierte ich eine Aufhängung an den Schultergurt-Ösen des Rucksacks. Das Wechselobjektiv trug ich in einer am Hüftgurt befestigten Objektivtasche. Bepackt, aber doch in schwerem Gelände beweglich.

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GFX 50S im Regen

Der erste Tag ermöglichte es mir dann auch gleich, die Kamera bei starkem Regen zu testen. Auch ohne Regencover tat sie zuverlässig ihren Dienst. Einzige Herausforderung war, dass die Zeit für die Bildkomposition zwischen dem Abwischen der Frontlinse und dem Erscheinen neuer Regentropfen auf ihr teilweise erheblich kürzer war als die anschließende Verschlusszeit. Bei querfliegendem Regen bringt auch eine Abschirmung nur bedingten Erfolg.

Making Of: GFX 50S im harten Einsatz - Foto: Bernhard Labestin
Making Of: GFX 50S im harten Einsatz

Immerhin fing der zweite Tag besser an. Es war ein einheitlich grauer Himmel und fast windstill. Beim Frühstück erörterten wir, ob wir eine verlängerte Etappe gehen wollten, um das Wegstück aufzuholen, das wir wegen des Regens am Vortag nicht mehr geschafft hatten. Die Herausforderung an solchen Touren ist, dass keine Möglichkeit besteht, am nächsten Tag für neue Aufnahmen wieder an den gleichen Ort zu gehen. Auch bringen Tagesziele mit sich, dass Strecke gegangen werden muss und weniger Zeit bleibt, sich in Ruhe zu konzentrieren und zu fotografieren. In die Auswahl der Zeltspots am Ende der Tagesetappen hatte ich zuhause neben der Aussicht auch die Sonnenauf- und -untergänge einbezogen. Die Sonnenstände hatte ich mit den Uhrzeiten von Auf- und Untergang sowie blauen Stunden in die Karten eingezeichnet. Auch hatte ich berücksichtigt, in welcher Linie die Täler und Hügel zum Einstrahlwinkel standen. Allerdings schien sich die einheitliche Wolkendecke heute über meine Planung lustig zu machen. Gegen Nachmittag kam dann Wind auf, welcher zwar die Wolken auseinandertrieb, sich aber bis zum Abend in einen Sturm wandelte. Der Wind zerrte am Rucksack und da zeitlich nicht immer mit Stativ zu arbeiten war, war ich froh über den OIS im Objektiv. Nachdem wir im Sturm das Zelt aufgestellt hatten und endlich in den warmen Schlafsäcken lagen, tauchte im Einschlafen noch die Frage aus meinen Gedanken auf, warum es wohl keinen ATS (automated tent stabilizer) gibt – die Nacht wäre deutlich ruhiger gewesen.

Moskito meets Mittelformat - Mit der Fuji GFX50s im Fjäll über dem Polarkreis - Foto: Bernhard Labestin

Endlich Sonne

Entgegen meinen Erwartungen war der Morgen wunderbar. Die Sonne schob sich von unten dem Horizont entgegen, während ich mich aus dem Schlafsack schälte. Wie jeden Morgen wollte ich ein paar Bilder vor dem Frühstück machen. Beim Rausgehen stieß ich gegen unsere Wasserflaschen im Vorzelt. Irritiert stellte ich fest, dass diese vollständig durchgefroren waren. Der GFX war aber auch dieses Wetter egal. Sie ist ein wunderbares Werkzeug, auch wenn die Lichtwaage sich mit Handschuhen nur etwas umständlich bedienen lässt. Eher nebenbei stellte ich im Flow des Fotografierens fest, dass mein Atem sich an der Cam nicht nur niederschlug, sondern gleich gefror. Und ein positiver Nebeneffekt der Nachtkälte war, dass sie den Moskitos gar nicht gut bekam; das ständige Wegwedeln vor der Linse bei jeder Aufnahme konnte also entfallen.

Immer wieder mussten wir auf unserem Pfad Böschungen hinabsteigen, die Gletscherabflüsse in die Landschaft geschnitten hatten. Und nicht immer war ersichtlich, wie wir auf der anderen Seite wieder hinaufkommen sollten. Oftmals nutzen wir diese Momente zur Pause an den schönen Bächen – eine wunderbare Gelegenheit, das Platypod zu testen. Das Platypod ist im Grunde eine Metallplatte mit der Möglichkeit, einen Stativkopf aufzuschrauben und mittels Stellfüßen auszutarieren. So erhält man in Sekunden eine stabile Position nur wenige Zentimeter über dem Boden. Anfangs war ich skeptisch, doch die Kürze, in der es verwendungsfertig ist, und der geringe Bedarf an Stellfläche gegenüber einem Stativ überzeugten mich. So hatte ich auch keine Hemmungen, es direkt in den Bachlauf zu stellen und ihm die $8.000-Ausrüstung zwei Zentimeter über den Wellen anzuvertrauen. Dadurch, dass die Kamera bei solchen Perspektiven nicht wie bei manchen Stativen über Kopf stehen muss, konnte der Winkelsucher optimal genutzt werden. Für Hochkantaufnahmen benötigt man lediglich noch eine L-Schiene. Ich liebe es, wenn ich mir um Ausrüstung keine Gedanken machen muss.

Moskito meets Mittelformat - Mit der Fuji GFX50s im Fjäll über dem Polarkreis - Foto: Bernhard Labestin
Moskito meets Mittelformat – Mit der Fuji GFX50s im Fjäll über dem Polarkreis – Foto: Bernhard Labestin

Aber wo bleibt mein Sohn? Ah, endlich ist auch er am Ufer angekommen. Vielleicht wird mir in diesem Eisregen momentan nur wärmer, weil ich erkenne, dass Furten im Eisregen noch heftiger ist, als einfach zu warten und die Gedanken um die seit 35 Jahren immer wieder gleiche Frage kreisen zu lassen: „Warum tu ich mir das an?“.
Den schweren Rucksack aufziehend denke ich mir: „Weil es es wert ist, den Fokus zu finden – den im Motiv und den inneren.“

Eine Auswahl meiner Reisebilder findet ihr auf Instagram, die Online-Vernissage meiner eigentlichen Fotografie unter:

www.nes-lichtbilder.de >>

© Bernhard Labestin – Moskito meets Mittelformat – Mit der Fuji GFX50s im Fjäll über dem Polarkreis


Anmerkung der Redaktion: Bernhard Labestin bot diesen Artikel als Gastbeitrag für die *fotowissen-Leser an. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Dir, Bernhard für diesen Reise-Erfahrungsbericht zur GFX 50s. Wer sich für mein eigenes GFX-Fotoequipment interessiert:

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Bernhard Labestin

Bernhard Labestin, 1967 in Frankfurt am Main geboren, ist Vater zweier Kinder und lebt mit seiner Frau Andrea und zwei Katzen in Ingelheim. Galt seine Kreativität im Kindesalter noch dem Töpfern, wurde er von seinem Vater an ein weiteres künstlerisches Ausdrucksmittel, herangeführt: die Fotografie. Anfangs galt sein Interesse insbesondere der Reisefotografie. Dabei folgte er dem Duktus, Gegenstände und Sujets einfach so abzubilden, wie er sie sah und nicht unbedingt so, wie es Betrachtende erwarteten.

In dem Wissen, dass ein beruflicher Werdegang in der Kunstbranche notwendigerweise Kompromisse für den Markt mit sich bringen und somit seinen in der Fotografie realisierbaren Freiheitsdrang determinieren könnte, entschied er sich für eine Laufbahn im Berufsfeld der Naturwissenschaften. Die Kamera blieb dennoch seine ständige Begleiterin: Auch heute noch darf die Fotoausrüstung trotz begrenztem Reisegepäck auf seinen Solo-Trekking-Touren über den Polarkreis nicht fehlen.

Diese Reisen führten ihn zudem zu einer essentiellen Erkenntnis:

Es ist nicht so wichtig, die Grenzen ferner Länder zu überschreiten, sondern vielmehr die Grenzen in uns selbst. Es liegt an uns selbst, ob wir uns auf das größte aller Abenteuer, das Abenteuer Leben, einlassen und uns nach ihm ausrichten, oder nicht. Wir können immer wieder etwas angehen, vor dem wir uns fürchten, das wir nicht zu schaffen glauben, das wir noch nie versucht oder im Laufe der Zeit aufgegeben haben. Denn der Tod ist nicht die größte Katastrophe – die größte Katastrophe wäre, wenn Werke, wenn Werte, wenn das, was uns wichtig ist, durch Unterlassen – praktisch durch einen Tod im Leben – liegen bliebe:

“Deswegen bedenke nicht, dass du sterblich bist, sondern werde dir gewahr, dass du lebst. Du lebst nicht nur einmal, sondern Du stirbst nur einmal – lebst aber jeden Tag.”

Aus dieser Erkenntnis leitet sich auch die Maxime seiner Werke der Neuen Emotionalen Sachlichkeit ab.

Journalist, Fotograf, Fototrainer Peter Roskothen

Willkommen bei *fotowissen sagt Peter Roskothen im Namen aller Autoren.

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