Inhaltsverzeichnis
- Das echte Leben vor der Linse – Street
- Was ist das echte Leben?
- Wer lebt – und wer spielt nur eine Rolle?
- Unbewusst echt – oder unbemerkt beeinflusst?
- Selektive Realität – Welche Szenen wählen wir?
- Die Macht der Street-Fotografie
- Zum guten Schluss: Abbild oder Interpretation?
- Dies ist eine Serie von Beiträgen - Street Photography - Lesen Sie die ganze Serie:
Das echte Leben vor der Linse – Street
Street Photography pur. Der Zauber des Alltags – groß in kleinen Momenten. So stellen wir es uns vor, wenn wir mit wachem Blick und Kamera durch Straßen und Städte ziehen: Keine Show, keine Inszenierung, keine Bühne.
Was wir suchen? Das wahre Leben. Echt. Ungeschönt. Unmittelbar.

Es ist sicherlich vor allem die Street Photography, die gerne als die Parade-Kunstform verstanden wird, um das wahre Leben einzufangen. Doch wo fängt das an, wo hört das auf? Ist das die rohe, ungefilterte Realität oder eine subjektive Interpretation? Differenzieren wir noch bewusst, welche Aspekte des Lebens wir abbilden – oder folgen wir hauptsächlich ästhetischen und stilistischen Vorgaben?
Dieser Artikel ist das Ergebnis dessen, diese Fragen zu stellen, und nach Antworten zu suchen. Sehr gespannt bin ich darauf, welche Ergänzungen, Abweichungen oder Übereinstimmungen Ihnen dazu einfallen. Schreiben Sie es doch bitte als Kommentar dazu, vielen Dank dafür an dieser Stelle!
Was ist das echte Leben?
Auch ich benutze hin und wieder solche Beschreibungen: „Das echte, das wahre Leben“. Und nun saß ich kürzlich bei einem „Coffee to go“ (= Mitnahmekaffee, und der war echt!) in Siegens Innenstadt, und habe überlegt, ob eigentlich irgend etwas von dem, was ich um mich herum sehe, nicht echt ist. Alle Szenen laufen parallel, es ist Alltag in einer kleinen Großstadt, und mir rinnt heißer Kaffee durch die Kehle. Ich bin auch nicht Teil der Truman-Show, und neben mir sitzt weder Jim Carrey, noch Ed Harris. Alles ist echt. So, wie es sein soll. Und so saß ich da, die Kamera startklar, bereit, das Authentische einzufangen.
Nicht alles, was wir fotografieren, muss zwingend ein wahrhaftiges Abbild des wahren Lebens sein.
Das echte Leben ist komplex und facettenreich. Um das zu erkennen, reichen 10 Minuten Innenstadt aus. Binnen kurzer Zeit zeigten sich mir Freude, Trauer, Erfolg und Misserfolg, Schönheit, Zerfall, Müßiggang und Hektik. Doch nicht alles von dem, was ja durchaus real ist, habe ich auch fotografiert – oder umgekehrt: Nicht alles, was ich an diesem Tag fotografiert habe, muss zwingend ein wahrhaftiges Abbild des Lebens gewesen sein.

Mit unserer modernen Street-Fotografie tendieren wir meines Erachtens gerne dazu, entweder das Spektakuläre oder das Melancholische zu zeigen. Szenen von Einsamkeit, urbanem Chaos oder skurrilen Momenten dominieren. Vieles von dem, was sich sonst noch zeigt, findet sich zwar auch, aber eher seltener auf den Fotos.
Doch repräsentiert das, was dominiert, auch gleichzeitig das, was wir unter „wahres Leben“ verstehen – oder repräsentieren wir damit vielleicht nur das, was ins ästhetische Konzept passt? Kurz angenommen, dass dem so wäre, würde es ja bedeuten, dass wir vorgeben/entscheiden, was als „echt“ gilt, oder?
Eines der Objektive mit dem die Fotos geschossen wurden:
Wer lebt – und wer spielt nur eine Rolle?
Wenn ich mich selbst dabei beobachte, während ich unterwegs bin, muss ich fairer Weise zugeben, dass ich durchaus hin und her schwanke zwischen zwei Betrachtungsweisen. Die eine ist die, das Leben auf der Straße wie eine Kulisse für uns Fotografen zu verstehen. Die Bühne, also der Ausschnitt, in dem sich alles abspielt, inszeniere ich im Sucher meiner Kamera. Und dann können die Spiele beginnen! Die andere Betrachtungsweise folgt der Wahrnehmung, einen realen Schauplatz menschlicher Existenzen vor mir zu haben. Beides hat jeweils seine Zeit, und die Varianten vermischt sich, gehen ineinander über, während ich die Menschen sehe.
Sie eilen zur Arbeit, lachen mit Freunden, kaufen ein, bummeln, streiten, träumen und genießen, oder kämpfen schlicht mit ihrem Alltag. Genau das ist das echte, wahre Leben, was sich schlicht und einfach so zeigt, wie es ist.
Es könnte sein, dass alles andere, also zum Beispiel Dinge, die bewusst sichtbar gemacht werden, eben nicht das wahre Leben sind. Ich denke da an Straßenkünstler, Aktivisten oder andere Performer, die sich bewusst inszenieren, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Auch die Aufmerksamkeit von uns Fotografierenden.
Ihre Darbietung ist durchaus real, doch es ist gleichzeitig auch ein Produkt ihrer eigenen Intention. Erst neulich habe ich einem Straßenmaler zugesehen, reflexartig meine Kamera gezückt, und fühlte mich im selben Moment wirklich ertappt. Fotografinnen und Fotografen, vor allem wir Street Photographers, die dem „wahren Leben“ auf der Spur sind, können leicht auf diese Inszenierungen hereinfallen. Es passiert nur allzu leicht, dass wir sie als Symbol für das urbane Leben abbilden, während sie in Wahrheit eine eigene Form der Kunstwelt sind.
Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen, liebe Leserinnen und Leser damit geht, aber mir stellt sich dabei durchaus die Frage, ob genanntes Beispiel noch das „echte Leben“ ist, oder bereits eine durch ihre Präsenz für die Kamera geformte, unechte Realität.
Unbewusst echt – oder unbemerkt beeinflusst?
Wagen wir eine These: Das echte, wahre Leben zeigt Menschen, die ihrem Tun und Schaffen nachgehen, ohne überhaupt daran zu denken, dass sie etwas inszenieren, oder annehmen, ein Motiv unserer Fotografie zu sein. Und das unechte Leben wäre dann im Gegenzug jede Form von Inszenierung. Also bestimmte Situationen, die genau dafür geschaffen werden, (unsere) Beobachtung herbeizuführen.
Da sind genügend Momente, in denen Menschen nicht daran denken, beobachtet zu werden. Wenn ein Kind gedankenverloren einen Ball kickt, wenn ein Kellner mit einem Gast scherzt, oder ein müder Arbeiter sich auf einer Parkbank ausruht, dann sind das oft die ehrlichsten Bilder des Alltags. Doch auch diese Szenen unterliegen einer gewissen Selektion. Wir belichten eben nicht jede x-beliebige Szene, wo ein Kind gedankenverloren einen Ball kickt, wo ein seltsamer Kellner mit einem langweiligen Gast scherzt, oder irgend ein müder Arbeiter sich auf irgend einer Parkbank ausruht.

Wieso wirken manche dieser Momente auf uns tiefgründiger, und relativ ähnliche Momente erscheinen uns eher banal? Liegt die Selektion wirklich im Ausdruck der Menschen oder sind es die Sehgewohnheiten von uns Betrachter, die eine ganz bestimmte Szene/Stimmung im Pool aller Optionen, als das „Echte“ definieren?
Selektive Realität – Welche Szenen wählen wir?
Es ist kein Geheimnis, nicht jede Alltagssituation wirkt visuell ansprechend. Dieses Geheimnis lüftet sich aber für jedermann/-frau anders. Denn ob uns etwas anspricht, oder nicht, ist unsere eigene, höchst individuelle Sicht der Dinge, die gerne subtil abläuft. Unbewusst filtern wir als Betrachter und Fotografinnen jene Motive heraus, die genau uns eine Geschichte zu erzählen scheinen, die wir sehen möchten.

Immer einbezogen in unsere Fotografie ist der künstlerische und interpretative Aspekt der Street Photography. Es besteht dabei durchaus die Möglichkeit, dass wir dabei nicht mehr bemerken, wie diese Auswahl längst unser Bild vom echten Leben beeinflusst hat.
Immer einbezogen in unsere Fotografie ist der künstlerische und interpretative Aspekt der Street Photography.
Wenn wir zugespitzt formuliert, nur Elend oder nur urbane Hektik zeigen, entsteht ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Denn, wie schon eingangs festgestellt, umfasst das echte Leben mehr als nur Extreme – es ist in der Gleichzeitigkeit all seiner Facetten zu finden.
Die Macht der Street-Fotografie
Street-Fotografie hat die Kraft, Geschichten zu erzählen. Es liegt dabei an uns, darauf zu achten, dass wir mit unseren Bildern tatsächlich „das wahre Leben“ zeigen, und nicht nur einseitige Narrative bedienen. Ein paar relevante Punkte dazu liste ich gerne zusammenfassend auf:
Vielfalt abbilden: Das echte Leben ist nicht nur Drama oder Exzentrik, sondern auch Normalität und Alltäglichkeit.
Bewusste Auswahl treffen: Nicht jeder flüchtige Moment spiegelt Realität wider. Manche Bilder romantisieren, andere dramatisieren.
Hinterfragen, warum wir bestimmte Szenen wählen: Folgen wir Trends oder versuchen wir wirklich, das Leben in seiner Gesamtheit zu dokumentieren?
Inszenierung hinterfragen: Ist eine Szene wirklich ein Abbild des Lebens, oder eine Darbietung für die Augen/die Kamera?
Menschen als Menschen sehen: Jeder Protagonist einer Street-Fotografie hat ein eigenes Leben, eine eigene Geschichte. Die Bilder sollten das gleichzeitig zeigen und respektieren.
Zum guten Schluss: Abbild oder Interpretation?
Wir bewegen uns mit unserer Wahrnehmung sicherlich im Spielfeld zwischen echtem Abbild und irgend einer Form von Interpretation. In erster Linie spielen wir auch kaum eine Rolle, denn das echte Leben existiert, und zwar unabhängig von unserer Anwesenheit und einer Kamera. Doch der Punkt ist: Wenn wir mit Kamera anwesend sind, wird die Art, in der wir diesen Moment eingefangen, die weitere Wahrnehmung prägen!
Vielleicht liegt die wahre Kunst darin, das Leben in seiner Natürlichkeit anzuerkennen. Hilfreich dazu mag die Unterscheidung sein, ob wir eine authentische Szene beobachten – oder nur ein Bild, das uns als „echt“ erscheint. Die Wahrheit liegt vermutlich wie so oft in der Mitte.
Street Photography hält echte Momente fest, doch stets durch das Auge und die Intention des Fotografen gefiltert. In gewisser Weise nutzen wir alle eine visuelle Erzählform, die eine subjektive Realität formt, anstatt eine absolute Wahrheit abzubilden.
Und letztlich liegt es auch an uns und unserer Definition von “echt” oder “interpretiert”. Es liegt in unserem Auge als Betrachter – und damit in der Entscheidung von uns als Fotografierende – wie wir die Welt durch unsere Linse sehen.
Vielen herzlichen Dank für ihre Aufmerksamkeit,
und beste Grüße von der Straße, ihr
Dirk Trampedach
Fotokurs Straßenfotografie mit Dirk Trampedach

Dieser Fotokurs Straßenfotografie wird Ihnen viel Freude bereiten, denn Dirk Trampedach schult individuell oder für maximal zwei Teilnehmer auf gleichem Know-how-Stand.
Sie lernen in Siegen oder auf Wunsch in Köln.
Anruf Dirk Trampedach (nach 16:00 Uhr): 0176 30428916
Dies ist eine Serie von Beiträgen - Street Photography - Lesen Sie die ganze Serie:
- Street Photography Projekt Tutorial Teil 1
- Faszination Street Photography Projekt Teil 2
- Straßenfotografie Frankfurt - Street-Photography Projekt
- Die Wahrheit Street Photography Projekt Teil 3
- Die Planung des Ungestellten - Street Photography Projekt Teil 4
- Interaktion in der Street-Photography – Street Photography Projekt 2022 Teil 5
- Straßenfotografie Tipps Best Of – Street Photography Projekt Teil 6
- Einstellungen Street Photography Projekt Teil 7
- Das Finale Street Photography Projekt Teil 8
- Bildband Street Photography Projekt 2022 Bonus-Teil 8.1
- Methode Jäger und Fischer Street Fotografie
- Streetfotografie bei Nacht und Nebel
- Gefahren der Street-Photography - Vogelfrei mit Kamera
- Meet&Street Nuernberg 2023 - Deutsche Streetfotografie Szene
- Street Photography 35mm Brennweite
- Street Photography Farbe oder Monochrom
- Street Photography – zeitlose Fotos machen
- Was ist Street Photography?
- Street Photography - Unentdeckt fotografieren
- Straßenfotografie für Anfänger Tipps, Tricks und Ausrüstungsempfehlungen
- Die Wiederentdeckung der Farbe in der Street Photography
- Street Photography – Stellenwert in Kunst & Kultur
- Im Fokus der Street-Fotografie: Das echte Leben
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Hallo Dirk,
Dein Artikel beschreibt wieder mal gut, was man eigentlich immer unbewusst mit sich herumträgt, wenn man mit der Kamera unterwegs ist, um street zu fotografieren. Gut, dass Du es so klar formulierst, damit es vielleicht nach vorne ins Bewußtsein rückt.
Ich habe immer eine Kamera dabei, kein Handy, sondern eine Fuji X10, die passt in die Tasche. Und auch ich hole sie manchmal reflexartig raus, um eine Szenerie zu fotografieren, lasse es dann aber oft, weil entweder der Moment vorbei ist, oder der “Funke” doch nicht übergesprungen ist.
Scheinbar banales, normales Alltagsleben zu fotografieren erscheint einem Betrachter oft langweilig- “kennt man ja alles!”. Aber gerade als Zeitdokument für später finde auch ich das wichtig und gerechtfertigt. Das habe ich erst vor Kurzem bemerkt, als ich alte Fotoalben meines Vaters angeschaut habe!
Danke für Deine Anregungen. Das hilft!
Liebe Grüße
F.Seeber
Lieber Frank,
genauso ist es gemeint. Die ganzen Umstände existieren ja sowieso. Je nach dem, in welchem Stadium man gerade werkelt, ist es allerdings durchaus spannend, sie mal wirklich in den Blick zu nehmen. Mir führt das die eigenen Prozesse nochmal ganz neu vor Augen, und meistens wird dann irgendwas daraus. Oder auch nicht… ;-)
Beste Grüße, Dirk
Lieber Dirk Trampedach,
vielen Dank für den anregenden Artikel! Was ist das “echte Leben”, egal, ob auf der Straße, in der Natur oder einfach unter Lebewesen? Dein Artikel macht ja durch viele Relativierungen (Inszenierungen,
ästhetische Absichten und Prägungen, eigene Interpretation, eine Geschichte erzählen wollen usw.) hinreichend deutlich, dass Du selbst große Zweifel hast, diesem echten Leben mit der Kamera und dem Fotografen dahinter auf die Spur zu kommen. Das hast Du alles sehr eindrücklich dargelegt, und ich empfinde da sehr ähnlich. Auch die beiden Bilder sind ein gelungener Ausdruck dieser Zweifel, das eine als sozusagen von der Wirklichkeit zurückgeworfenes “Spiegelbild”, das andere ein durch ästhetische Absichten motiviertes Bild, getriggert von Wissen, was in einer Komposition gut zusammen passt. Beide Bilder finde ich sehr gelungen, aber nicht als Darstellung/Abbild/Dokumentation des “echten Lebens”.
Beim Betrachten solcher Bilder reicht mir eigentlich das, was sie in mir auslösen: Wohlgefallen; Hinweise darauf, mir meine eigenen Geschichten dazu zu erzählen; Bewunderung darüber, dass der “echte Augenblick” getroffen wurde. Insofern: Auch dafür Dank!
Noch eine Anmerkung zu der landauf, landab anzutreffenden Formulierung, “der Fotograf möchte eine Geschichte erzählen”. Fotografie funktioniert ja wie jede Kunst nicht ohne Adressaten und das gilt selbst dann, wenn ich meine Bilder anderen Menschen nicht zeige, dann bin ich halt mein eigener Adressat. In diesem Falle erzähle ich mir mit meinen Bildern selbst Geschichten, im anderen Fall aber bleiben diese Geschichten meine eigenen und nicht die des Betrachters. Aber als Fotograf stellen wir Elemente bereit, damit der Betrachter seine eigenen Geschichten entwickeln kann und die sind vermutlich nachhaltiger als die vom Fotografen gedachten. Das ist zumindest meine Erfahrung.
Liebe Grüße!
Gerd Callies