Individueller Fotokurs - Besser fotografieren lernen

Alles rund um Graufilter – Teil 2/4 – Die Belichtung

Artikel ursprünglich verfasst am 24. Juli 2014

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Exkurs Belichtung, wozu benötigt man Graufilter? – Tutorial

Warum es Sinn machen kann ein lichtstarkes, teures Objektiv zu kaufen und dann die Menge Licht, welche in das Objektiv gelangt durch einen Graufilter (u.U. ganz erheblich!) zu reduzieren, klärt sich jetzt im Anschluss. Um dies verstehen zu können, zunächst ein kurzer Exkurs zum Thema Belichtung. Es gibt drei Parameter, die die Menge Licht, welche auf das Bild gelangt, bestimmen. Die Blende, die Belichtungszeit und der ISO-Wert (Empfindlichkeit). Alle drei zusammen bestimmen, wie viel Licht auf das spätere Bild gelangen wird.

Belichtung - Grafik

Blende

Die Blende schließt sich nicht stufenlos, sondern in festgelegten Schritten. Zur Vereinfachung sind hier nur „ganze“ Blendenstufen dargestellt, es gibt Kameras, die mit halben oder drittel Blendenstufen arbeiten. Von Blendenwert zu Blendenwert halbiert sich die Menge Licht, die durch das Objektiv gelangen kann.

Reihe Blende

D.h. wenn man z.B. ein Bild mit Blende 4 aufgenommen hat und dann auf Blende 5,6 wechselt, halbiert man die Menge Licht, die auf das Foto gelangt. Die verfügbaren Blenden sind vom eingesetzten Objektiv abhängig. So kann es (als Beispiel) sein, dass man nur Blenden zwischen 4 und 22 zur Verfügung hat. Bei Zoom-Objektiven variiert die größte verfügbare Blende (kleinste Blendenzahl) u.U. auch noch mit der eingestellten Brennweite. Neben der Menge Licht, die in das Objektiv gelangen kann, verändert man mit der Blende auch den im Bild scharf abgebildete Bereich. Fotografiert man mit Blende 2,8 (eine große Blende, da die Öffnung der Blende groß ist), ist der scharf abgebildete Bereich eng um den fokussierten Bereich herum begrenzt. Nutzt man für das gleiche Bild Blende 22 (eine kleine Blende, da die Blendenöffnung jetzt sehr klein ist), wird ein großer Bereich vor und hinter dem fokussierten Bereich scharf abgebildet.

Schaerfeverteilung im Bild

Es verändert sich mit der Blende also nicht nur die Menge Licht, welche auf das Bild gelangt, sondern auch der scharf abgebildete Bereich. Wer sich näher für den Zusammenhang zwischen Schärfeverteilung im Bild und Blende interessiert, kann im Netz unter „Hyperfokaldistanz“ nachschlagen. Unter http://www.dofmaster.com/dofjs.html findet sich ein Online Rechner, mit dem man das obige Beispiel im WEB selbst „nachrechnen“ kann. Für das Thema Graufilter ist es aber vor allem wichtig zu verstehen, dass sich die Menge Licht mit jeder Blendenstufe halbiert bzw. verdoppelt.

Belichtungszeit

Auch bei den Belichtungszeiten gibt es eine Reihe.

Reihe Zeit

Man kann sich leicht vorstellen, dass ein Bild das mit 1/250 Sekunde belichtet wird doppelt so hell ist, wie ein Bild, dass mit 1/500 Sekunde belichtet wurde (wenn alle übrigen Einstellungen gleich geblieben sind). Der Sensor hat doppelt so lange Licht aufnehmen können. Die verfügbaren Belichtungszeiten variieren etwas mit der Kamera. IdR. ist die längste Belichtungszeit immer 30 Sekunden. Danach kann man die Kamera nur mit einem Fernauslöser manuell länger belichten lassen. Die kürzeste Belichtungszeit liegt je nach Kamera zwischen 1/2000 und 1/8000 Sekunde. Mit Änderung der Belichtungszeit verändert man nicht nur die Menge an Licht, die auf das Bild gelangt, sondern auch, ob ein sich bewegendes Objekt scharf auf dem Foto erkennbar sein wird. Bewegt sich ein Objekt weiter, während die Belichtung noch nicht abgeschlossen ist, spricht man von Bewegungsunschärfe. Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Bewegungsunschärfe

ISO-Wert

Der ISO Wert bestimmt die Empfindlichkeit des Sensors (rein technisch gesehen ist dies nicht ganz richtig, dies würde aber über den Rahmen dieses Artikels hinausgehen.) Der Effekt den der ISO Wert hat ist in jedem Fall eine Veränderung der Lichtempfindlichkeit. Je größer der ISO Wert, desto weniger Licht benötigt die Kamera bei gleicher Belichtung. Auch hier gibt es wieder eine Reihe.

Reihe ISO

Und erneut: Ein Bild das mit ISO 200 aufgenommen wurde ist doppelt so hell wie das gleiche Bild, wenn es mit ISO 100 aufgenommen worden wäre. Je höher der ISO-Wert, desto mehr Farbrauschen gelangt auf das Bild. Ab wann Farbrauschen sichtbar wird hängt sehr wesentlich von der verwendeten Kamera, bzw. deren Sensor ab. Moderne Spiegelreflexkamera sollten inzwischen alle bis ISO 800 gute, rauschfreie / rauscharme Ergebnisse liefern. Je nach Kamera kann es u.U. sogar möglich sein bis ISO 3.200 noch rauscharme Ergebnisse zu erhalten. Bei höheren ISO Werten muss man auch bei teuren Kameras idR. entscheiden, ob ein Farbrauschen für die jeweilige Aufnahme akzeptabel ist, oder nicht. Meistens gilt: Lieber ein Bild mit etwas Farbrauschen, als ein unscharfes Bild (da man sonst meist die Belichtungszeit verlängern müßte).

Was bedeutet das jetzt?

Nehmen wir an, ein Bild ist wie folgt korrekt belichtet:

Belichtung_1

Dann muss bei gleichen Lichtverhältnissen auch die Einstellung

Belichtung_2

korrekt belichtet sein. Richtig? Ja, richtig ! Denn Blende 5,6 lässt doppelt so viel Licht durch wie Blende 8 und 1/500 Sekunde lässt halb so viel Licht auf das Bild wie 1/250 Sekunde. Beides hebt sich gegenseitig auf und beide Fotos sind korrekt belichtet. Führt die zweite Einstellung zum gleichen Bild wie die erste Einstellung? Nein ! Durch die geänderte Blende ist der scharf im Bild abgebildete Bereich kleiner als vorher und durch die verkürzte Zeit (1/500 statt 1/250) sind sich bewegende Objekte schärfer als vorher abgebildet. Folglich: Es gibt viele verschiedene Kombinationen von Blende, Belichtungszeit und ISO die alle zu einer korrekten Belichtung einer Szene führen. Die jeweiligen Bilder sind aber dennoch unterschiedlich, da die Wirkung auf Bildschärfe, Bewegungs(un)schärfe und (Farb)rauschverhalten komplett anders sein können.

Was hat das mit Graufiltern zu tun?

Ein Beispiel macht deutlich warum die Kenntnis der gerade nochmals dargestellten Zusammenhänge wichtig ist: Sicherlich jeder kennt Fotos, auf denen ein Wasserfall zu sehen ist, dessen Wasser samtig weich herabfällt. Technisch gesehen handelt es sich bei dem herabfallenden Wasser um ein Objekt mit Bewegungsunschärfe. Der Fotograf hat die Belichtungszeit so lang gewählt, dass sich das Wasser während der Belichtung weiter bewegen konnte und somit „verwischt“ im Bild sichtbar wird. Was hat das mit Graufiltern zu tun? Man muss doch nur die Belichtungszeit verlängern und schon hat man das gewünschte Bild, oder? Im Prinzip schon, aber geht das auch? Angenommen Sie fotografieren den Wasserfall an einem sonnigen Tag und haben mit der Kamera festgestellt, dass eine korrekte Belichtung der Szene bei 1/500 Sekunde mit Blende 8 und ISO 100 möglich wäre.

Belichtungskombination_1

Um den Wischeffekt des Wassers im Bild darzustellen kann man das Bild nicht mit 1/500 sec. aufnehmen, sondern muss die Belichtung auf min. 1 / 4 Sekunde oder mehr verlängern. Aus unseren Belichtungs-Reihen von gerade wissen wir jetzt, dass von der gemessenen 1/500 Sekunde bis zu 1 / 4 Sekunde sieben Belichtungszeit-Stufen liegen. (siehe nächste Grafik) Belichtungskombination_2

Also kein Problem, machen wir die Blende 7 Stufen zu, wenn wir die Zeit um 7 Stufen verlängert haben. Dann passt ja wieder alles. Leider wird das in nur wenigen Fällen funktionieren. In meinem Beispiel bin ich davon ausgegangen, dass die ursprüngliche Belichtung bei Blende 8 korrekt war. 4 Blendenstufen weiter würde bereits Blende 32 bedeuten. Viele Objektive bieten nur Blende 22 an, Blende 32 ist schon seltener und darüber hinaus gibt es in der Regel keine weitere, kleinere Blende mehr. Wir müssen die Blende aber 7 Blendenstufen zum Ausgleich der verlängerten Belichtungszeit schließen. Die drei weiteren Blendenstufen (die über Blende 32 hinaus für die korrekte Belichtung nötig wären) gibt es nicht.

Belichtungskombination_3

D.h. Ich kann meine Blende nicht genug schließen um die verlängerte Belichtungszeit auszugleichen. Weiterhin würde ich die Schärfentiefe (durch die kleine Blende) drastisch vergrößern, was für die Bildwirkung auch nicht immer passend ist. Und der ISO-Wert? An einem hellen Tag ist ISO 100 (wie oben angenommen) eine gute Wahl. ISO 50 hat nicht jede Kamera und weniger schon gar nicht. Also kann ich die durch die verlängerte Belichtungszeit zusätzliche Lichtmenge auch nicht durch einen kleineren ISO-Wert reduzieren. Folglich: Wenn ich meine Zeit um 7 Belichtungszeit-Stufen auf 1 / 4 Sekunde verlängere, habe ich keine Möglichkeit, durch andere Einstellungen der Kamera, die zusätzliche Lichtmenge so stark zu reduzieren, dass das Bild wieder korrekt belichtet würde. Es würde erheblich überbelichtet. Statt dessen benutzt man Graufilter, die die Lichtmenge bereits reduziert, bevor sie in das Objektiv gelangt. Habe ich also einen Graufilter, der 6 Blendenstufen Licht schluckt (das kommt gleich noch im Detail), müßte ich, um mein Beispiel von oben zu Ende zu führen, nur eine Blendenstufe abblenden und könnte das Bild mit der Belichtungszeit von 1 / 4 Sekunde und Blende 11 bei ISO 100 korrekt belichtet aufnehmen.

Welche Einsatzgebiete für Graufilter gibt es?

Bewegungsunschärfe erzeugen

Den ersten Einsatzzweck habe ich gerade schon ausführlich beschrieben. Wenn ein Bild ‚lange‘ belichtet wird und sich das aufgenommene Objekt während dieser Belichtung bewegt, spricht man von Bewegungsunschärfe. Während dies bei Personenaufnahmen häufig ein unerwünschter Effekt ist, kann dies z.B. bei fließenden Gewässern einen sehr schönen, weich und ‚glattgebügelten‘ Effekt bewirken. Auch sind verwischende Wolken ein gutes Beispiel für Objekte bei denen Bewegungsunschärfe manchmal absichtlich erzeugt wird.

ohne Graufilter mit Graufilter
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Landschaftsfotografen nutzen Graufilter also um Belichtungszeit verlängern zu können. Hier einige weitere Beispiele:

20140709_61_7327

Die Stärke des Effekts hängt auch davon ab, wie sehr sich (z.B. das Wasser) im Motiv bewegt hat. Bei starker Gischt oder hohen Wellen ist der Effekt im Bild komplett anders als beileichtem Wellengang.

20140710_61_7432

Sich bewegende Personen ‚entfernen‘

Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem belebten Platz vor einer Sehenswürdigkeit, die Sie gern aufnehmen möchten. Wie schön wäre es, wenn Sie die Sehenswürdigkeit in Ihrer vollen Schönheit und ohne eine Menge Touristen im Bild fotografieren könnten. Dies funktioniert, wenn Sie Belichtungszeiten um die zwei Minuten verwenden. Alle Personen die sich in dieser Zeit durch das Bild bewegt haben, werden später auf Ihrem Foto nicht zu sehen sein. Nur diejenigen, die auf einer Stelle verharrt sind, werden auf Ihrem Foto sichtbar sein. Um bei hellem Tageslicht eine Belichtungszeit von 2 Minuten zu erreichen muss man einen sehr starken Graufilter (z.B. ND 3,0; siehe später in diesem Artikel) einsetzen, damit das Bild nicht überbelichtet wird.

Kontrastumfang reduzieren ( Die Helligkeit verschiedener Bildbereiche angleichen )

Dies ist eine Aufgabe für die am Anfang dieses Artikels schon kurz erwähnten Grauverlaufsfilter. Auch hierzu ein Beispiel: Sehen Sie sich die nachfolgenden Fotos an. Die grünen Bäume sind erheblich dunkler, als der Himmel darüber. Wenn Sie jetzt den Belichtungsmesser Ihrer Kamera auf die Bäume richten, wird im späteren Foto von der Struktur des Himmels wenig zu sehen sein (siehe Bild „ohne Graufilter“). Die Kamera hat die satten Farben der Bäumen so belichtet, dass diese gut durchzeichnet im Bild erscheinen. Der viel hellere Himmel wird dadurch auf dem Foto fast weiß, bestenfalls hellblau und mit geringer Struktur. Messen Sie den Himmel mit dem Belichtungsmesser an, passiert das Umgekehrte. Der Himmel wird ordentlich belichtet und strukturiert, die Bäume geraten sehr dunkel, unter Umständen werden einige Stellen so dunkel, dass sie nur noch schwarz und ohne Struktur sind. Grund ist, dass der ‚Dynamikumfang‘ (oder Kontrastumfang) einer Kamera zu klein ist um die extremen Helligkeitsunterschieden einer solchen Szene komplett erfassen zu können. Der Helligkeitsunterschied zwischen dunkelster (Bäume) und hellster (Himmel) Stelle im Bild ist zu groß. Der Grauverlaufsfilter wird nun genutzt um einen Teil der Szene durch den grauen Anteil des Filters abzudunkeln, während der gegenüberliegende Bildteil in der Helligkeit unverändert bleibt, da der Filter an dieser Stelle klar ist. Als Folge reduziert sich der Kontrast- (Helligkeits-) Umfang des gesamten Bildes und sowohl der Himmel, als auch der Rest des Bildes können korrekt belichtet werden.

Könnte man dies auch mit einer HDR Aufnahme erreichen? Ja, könnte man, wenn sich im Bild nichts bewegt. Der Vorteil der Aufnahme mit dem Graufilter ist, dass das Bild nicht nachträglich am PC/Mac aus mehreren Aufnahmen zusammengefügt werden muss. Haben Sie z.B. ein sich bewegendes Segelschiff mit auf der Szene, geht auch HDR nicht mehr, da sich das Schiff weiter bewegt während man noch die letzte Aufnahme für das HDR Bild macht. Damit wäre es verwischt im Bild.
hell war – nicht daran gedacht…)

Kaufempfehlung ND Filter von Peter Roskothen

Ich persönlich nutze drei ND Filter mit sogenannten Step-Up-Ringen für verschiedene Objektivdurchmesser (Links zu Amazon):

Warum drei verschiedene Stärken? Ich wollte im Laufe meiner fotografischen Jahre immer wieder mal in der hellsten Sonne lange Zeit belichten. Dann benötigt man je nach Blendenzahl den 10 EV oder 6 EV Filter. Für Aufnahmen im Wald sind oft der 3 EV oder 6EV Filter perfekt.

Warum 77mm Filterdurchmesser? Einige wenige Objektive im APS-C Format (Fujifilm) und Vollformat (Canon) haben einen größten Filterdurchmesser von 77 mm. Mein Tipp: Suchen Sie sich den größten Durchmesser ihres Objektivssortiments heraus und denken dabei noch an die Zukunft. Es kann durchaus sein, dass sie mal ein Objektiv mit 77 mm Durchmesser nutzen. Dann ist es wertvoll, dass sie alle Filter mit 77 mm Durchmesser erwerben plus den Step-Up-Ringen. Spielen Sie mit der Idee, sich eine Mittelformatkamera zu kaufen, dann sollten Sie gleich über Filter mit einem Durchmesser von 82 mm nachdenken.

Mit Hilfe der Ringe schrauben Sie diese Filter an alle Objektive, können aber die Streiflichtblende nicht mehr nutzen. Für einen Polfilter ist die gleichzeitige Verwendung der Steiflichtblende meist sowieso nicht möglich, da Sie den Filter meist immer wieder neu einstellen.

Für alle, die gerne das Beste haben möchten:

Wertvolles Filterset bei Amazon >>

 

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Autor: Ulrich Schifferings

Ich bin seit vielen Jahren Hobby-Fotograf und arbeite seit 2003 mit NIKON Kameras. Zuerst mit einer der ersten digitalen Bridge-Kameras, später mit einer DSLR.

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