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Ginza, Bettelmönch – *fotowissen Bild der Woche

Ginza, Bettelmönch - *fotowissen Bild der Woche - Foto Detlef Rehn, Tokio

“Ginza, Bettelmönch”

Generell spiegelt das Foto den Unterschied von arm und reich wider. Das Besondere der Aufnahme liegt darin, dass Bettelmönche in Tokyo ein sehr seltener Anblick sind. Ich lebe schon viele Jahre hier und habe vielleicht fünf oder sechs Mönche dieser Art gesehen, allerdings nicht auf der Ginza, der teuersten Einkaufsstraße Tokyos, und dann auch noch vor Mikimoto. Da passte alles zusammen. So gesehen war ich also zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.

Verwendete Kamera Fuji X-T3, Blende 10, 1/60 sek., Objektiv: Fujinon XF 16-80

Foto: Detlef Rehn, Tokio

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Bild der Woche (Wahl der Redaktion)

Die *fotowissen Redaktion veröffentlicht das Bild der Woche, welches Leser zur Publikation eingesandt haben. Nicht alle eingesandten Fotos werden veröffentlicht. Wir publizieren grundsätzlich besondere Fotos, die herausstechen. Die einsendenden Fotografen werden gebeten, die Kommentare unter ihren Fotos zu lesen und zu kommentieren, da sich viele Leser große Mühe mit einer konstruktiven Rezension machen.

13 Kommentare

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  • Sehr geehrter Herr Rehn,
    Danke für die Präsentation dieses Fotos, dessen Rahmenbedingungen und dessen Intention sie uns beschreiben.

    Zumindest bei mir schlägt das Street-Foto jedoch nicht ein, wie es das bei Ihnen macht.

    Ich versuche im Folgenden, die Gründe dafür herauszufinden:
    Rein formal betrachtet erscheint dem Ortsunkundigen und der Japanischen Sprache nicht mächtigen (wie mir und wohl den Meisten) da zunächst lediglich eine recht profane und typische Szene einer Fußgängerzone mit durchschnittlichen Menschen in durchschnittlichen, alltäglichen Kleidern und Taschen vor einem wenig spektakulären Warenhaus mit einem gigantischen, aber ebenfalls profanen Plakat einer Frau mit üppigem, aber nicht näher analysierbarem Schmuck in einem dezenten und umspektakulärem Kleid. Dass es sich gewissermaßen um eine der teuersten Einkaufsstraßen der Welt handelt, drängt sich wahrlich nicht auf. Damit bricht auch der Grundgedanke des Fotos in sich zusammen.

    Man erkennt im Kontrast dazu eine sehr undeutlich dargestellte Person, welche offenbar als Einzige in traditioneller Kleidung mit Strohhut ohne direkte örtliche oder andere Beziehung 10 meter davor steht und in eine völlig andere Richtung schaut – falls sie überhaupt schaut, denn ihr Gesicht ist absolut nicht erkennbar, nicht einmal Nase und Ohren kann man identifizieren, nicht einmal ob Mann oder Frau, alles verschwimmt im diffusen Grau. Es könnte sogar eine aufgestellte Puppe sein?

    Den umgehängten Text auf der Tafel und der aufgestellten Infotafel kann man als nicht-Japaner nicht verstehen, ebenso ist unklar, ob die Infotafel überhaupt etwas mit der Person zu tun hat oder eher eine Werbetafel ist oder eine amtliche Hinweistafel ist.

    Zum Technischen: Die Schärfe des Fotos lässt in allen Bereichen sehr zu wünschen übrig, auch saufen einige Bereiche im tiefen Schwarz ab, die Gradierung der Grautöne ist mir viel zu steil und unästhetisch, wobei ich mit unästhetisch eigentlich mehr die theoretisch mögliche Hilfestellung für den Betrachter des Bildes meine, der verzweifelt versucht, mehr Infos durch feinere Details zu erlangen – das gelingt aber nicht.

    Es liegt mir fern, einen Verriss zu schreiben, aber ich weiß ohne Ihren erläuternden Beitext nicht einmal, ob die Person mit dem umgehängten Schild und dem beschrifteten, daneben befindlichen Reiter nicht vielleicht eher für ein in der Nähe befindliches, neueröffnetes Restaurant wirbt und dafür zwecks mehr Aufmerksamkeit in traditionelle Kleider gesteckt wurde ! Ich hätte jedenfalls nicht spontan an einen Bettelmönch gedacht.

    Es gibt mithin einen tiefen Graben zwischen Ihrem “Insider-Wissen” als der japanischen Kultur und Sprache Mächtigen und dem Wissen der Menschen, welche das Foto jetzt betrachten. DAs Foto kann also nicht im Geringsten inhaltlich das transportieren, was Sie geplant und gefühlt haben.

    Etwas Anderes ist hier sicherlich ebenfalls kritisch:
    Aus gebotenem Respekt (oder auch zu großer Hemmung) haben Sie mit kurzer Telebrennweite aus der Ferne fotografiert, die Nähe und den Kontakt gescheut.

    Robert Capa sagte einmal: “Wenn das Foto nicht gut ist, warst Du nicht nahe genug dran!”

    Nun zum Punkt “was hätte man denn besser machen können?”

    – direkten Kontakt mit dem Mönch aufnehmen (und ihn ggf. fragen, ob man ihn fotografieren darf – warum nicht?)
    -die Perspektive ändern: Sie haben aus Augenhöhe fotografiert, aus Bodennähe hätte man mehr vom Gesicht Bild und die Person wäre als “bodenständig”, das Plakat aber eher “abgehoben” erschienen, was vermutlich tendenziell eher zum Grundgedanken gepasst hätte. Erst recht, wenn man viel näher und mit kürzerer Brennweite gearbeitet hätte…
    – geduldig warten, bis Passanten kommen, welche – im Gegensatz zu den hier abgebildeten – WIRKLICH wenigstens ansatzweise die krassen Unterschiede der Gesellschaftsschichten BILDLICH transportieren.
    – die Belichtung(szeit) und die Grauwerte optimieren – möglicherweise hätte man den ökonomischen Kontrast zwischen Bettelmönch und Luxusweibchen auf dem Plakat auch durch ein geschickteres Spiel mit der Schärfentiefe prononcieren können?

    Ich weiß aus eigener persönlicher Erfahrung, wie sehr man gehemmt ist, auf der Straße und bei fremden Menschen näher ran zu gehen. Aber es geht. Im wahrsten Sinne des Wortes “gehen”… ;-)

    Ein 18er oder 23er Objektiv an APSC oder auch max. 35mm hilft einem im wahrsten Sinne dabei “auf die Sprünge”…

    Das soll meine konstruktive Kritik an dem Foto sein,
    leider habe ich bisher nicht das Glück gehabt, Japan besuchen zu können, aber ich träume davon, dieses Land, seine Menschen und Landschaften, seine Kultur einmal aus nächster Nähe erleben und fotografieren zu dürfen…

    Ihnen allzeit “Gut Licht”

    Gruß
    DWL

    • Lieber DWL,

      Ich kann mich Dir nicht anschließen, sehe das Bild naturgemäß anders. Wenn Du keinen Verriss schreiben willst, dann tu’s auch nicht. In anderen Worten lässt Du hier ziemlich Dampf ab. Im Detail:

      Für mich ist nichts diffus. Auch kann ich solch ein Foto ohne Kenntnisse der japanischen Sprache nicht beurteilen. Dafür hat Herr Rehn doch eine Erklärung und einen Titel geliefert, wie er in jeder Galerie der Welt geschätzt wird.

      Wenn die Fotografin, der Fotograf näher herangeht, dann ist die Situation vielleicht hinüber. Das können wir beide doch gar nicht beurteilen. Ich wäre an Stelle Herrn Rehns auch glücklich gewesen, solch eine seltene Situation einzufangen.

      Für mich säuft im Foto nichts ab. Das ist ein prima Schwarzweißfoto. Sehe ich anders. Mein Eindruck ist insgesamt, dass es sich um ein gelungenes Foto handelt. Mit dem Hintergrundwissen, was uns Herr Rehn vermittelt hat, ist es für mich eine gelungene Aufnahme, die den Gegensatz von Konsum und Verzicht aufzeigt.

      Vielen Dank an Herrn Rehn für das Foto aus Tokio!

      Herzlich,
      Peter

      • Lieber Peter,
        ich lasse keinen Dampf ab, sondern schreibe eine ehrliche Kritik, welche eindeutig konstruktiv ist, weil ich konkrete Verbesserungsvorschläge mache.

        Meine Kritikpunkte habe ich im Einzelnen ausgeführt und man muss sie keineswegs teilen und kann es gerne auch völlig konträr sehen. Du tust das offensichtlich.

        Ist für mich kein Problem, wenn Andere das Foto anders beurteilen als ich.

        Gruß
        DWL

    • Lieber Herr DWL, danke für Ihre ehrlichen Bemerkungen. Ich will versuchen, auf einige Ihrer Punkte einzugehen.

      Recht gebe ich Ihnen darin, dass meine Erläuterungen zum Foto nicht optimal waren. Das gilt nicht für die Bildunterschrift. “Bettelmönch auf der Ginza” ist eindeutig. Hätte es sich um eine Nonne gehandelt, hätte ich es auch so getitelt (vergrößern Sie bitte den Mönch einmal, und Sie werden sofort sehen, dass es sich um einen Mann handelt). “Bettelmönch” muss im Übrigen reichen. Ich gebe ja einen Hinweis, wen wir hier sehen. Die Ginza: Ein Straßenschild mit dem Aufdruck Ginza z.B. hätte nichts an Informationsgewinn gebracht. Wer die Champs Elysees kennt, sollte auch die Ginza kennen. “Mikimoto” ist der entscheidende Hinweis darauf, dass es sich nicht um eine beliebige Straße handeln kann. Hätte der Mönch vor Cartier gestanden, hätten auch Sie sofort begriffen, dass er nicht vor einer Klitsche oder einem Warenhaus a la Kaufhof stehen kann. Mikimoto verkauft vor allem teure Perlen und spielt sicherlich mit Cartier in einer Liga. Es wäre wohl richtig gewesen, das zu erläutern.

      Auf dem Infobrett auf der Brust des Mönches steht Koyasan. Das ist eine in Japan berühmte Tempelanlage südlich von Osaka. Auch das hätte ich erwähnen sollen. Der Poller neben ihm ist nur ein Hinweis für Fussgänger.

      Zur generellen Aussage des Bildes habe ich ja schon etwas gesagt. Arm und reich prallen hier aufeinander. Gegensätzlicher geht es auf der Ginza nicht. Geduldig warten, bis echte Obdachlose sich auf die Ginza verirren? Was soll das? Sie finden keine Obdachlosen auf der Ginza. Sie waren leider noch nicht in Japan, haben aber offenbar gewissen Vorstellungen, wie es hier aussieht oder aussehen müsste. Vielleicht denken Sie, dass z.B. alle Frauen in Kimonos herumlaufen. Das ist gerade so wie die Vorstellung, dass alle Münchner Lederhosen tragen. Sie sehen Kimonos in der Tat GELEGENTLICH, aber warum heben Sie die Alltäglichkeit der Kleidung und die Durchschnittlichkeit der Menschen hervor? So sieht es in der Innenstadt Tokyos fast durchweg aus. Der Bettelmönch hebt sich gerade von diesem Durchschnitt ab und bewegt sich auch noch vor Mikimoto, das war das, was mich sofort elektrisiert hat.

      Der Mann bewegte sich. Ein paar Sekunden später, und er wäre an Mikimoto vorbei und damit auch die Aufnahme hinüber gewesen. Sie unterstellen mir übertriebenen Respekt oder Hemmungen, auf ihn zuzugehen. Wie können Sie das beurteilen? Hier ging es darum, eine schnell erfasste Szene einzufangen. Das mag evtl. technische Unzulänglichkeiten erklären, die mir aber in dem Fall vollkommen egal waren, weil ich etwas fotografiert habe, dass Sie oder ich in dieser Form in zehn Jahren nicht aufnehmen könnten. Sie wissen doch selbst, wie viele Bilder auch großer Fotografen technisch nicht gut und dennoch aussagekräftig sind.

      Ich will es dabei bewenden lassen. Nochmals danke für Ihre Mühe, sich mit der Aufnahme auseinanderzusetzen.

      • Lieber Herr Rehn,

        Auf die normale Kleidung der Passanten habe ich deswegen hingewiesen, weil diese eben NICHT auf einen eklatanten Mißstand in Form von Superreichen und Bettelarmen Menschen hindeuten, sondern auf Menschen mit ökonomischen Standard-Verhältnissen. Keineswegs habe ich deswegen darauf hingewiesen, weil ich so naiv bin, zu glauben, in Tokio liefen alle entweder in Kimonos oder anderen traditionellen Kleidungsstücken herum. Sie symbolisieren eben sogar in einer teuren Einkaufsgegend überwiegend normal nivellierte finanzielle Möglichkeiten der Passanten.

        Daß Mikimoto teuren Schmuck verkauft, dachte ich mir, als ich den schweren Kluncker der „Botschafterin“ auf dem riesigen Plakat sah. Ich bin weder so weit gereist, daß ich sämtliche höchstpreisigen Einkaufsgegenden dieser Welt beim Namen kennen MUSS, noch interessieren mich solche Einkaufsgegenden oder auch nur ihre jeweiligen Namen im Mindesten. Insofern wundert es mich, daß ich Ihrer Meinung wissen MÜSSTE, wo diese sich befinden und wie sie alle heißen.

        Aber diese Ihre „Rüge“ über mein Nichtwissen zeigt doch im Grunde nur die Richtigkeit meiner Kritikpunkte auf: wenn ich weder auf dem Bild sehen kann, daß es sich um eine höchstpeisige Einkaufszeile handelt, weil dort in dem Moment ausschliesslich Normalbürger unterwegs sind, noch es sich bei dem Mönch um einen vom Schicksal geschlagenen Bettler in existenziell bedrohlicher, tiefster Armut handelt, sondern um einen tiefgläubigen Menschen, der eine extreme Art der Besitzlosigkeit und ein Klosterleben rein aus tiefer religiöser Überzeugung und in völlig freier Entscheidung einem anderen Lebensentwurf vorgezogen hat, so ist noch nicht einmal ein ECHTES sozialkritisches knirschen im Gefüge des Bildes dokumentiert.

        Und ich habe auch nicht- wie Sie mir fälschlich nahelegen – den Eindruck erweckt, daß ich an Ihrer Stelle darauf gewartet hätte, bis sich ein paar Obdachlose dort eingefunden haben, um die dann abzuschiessen…So ein Foto habe ich mal als 15-jähriger ein einziges Mal gemacht (immerhin aus wenigen Metern und nicht großer Distanz), zuhause angekommen habe ich mich dann eher geschämt und diese Art von herabblickendem Voyerismus (MEINES damaligen Bildes) habe ich dann nach diesem einen Bild für immer gelassen. Genau das habe ich übrigens gestern Kira Crome in einem persönlichen Gespräch gesagt, also vor der Veröffentlichung ihres Bildes hier.

        Ich habe vor geraumer Zeit mit Fotofreunden bspw. Streetfotografie in der Hamburger Innenstadt gemacht, da liefen einem pausenlos schwerreiche Leute vor die Kamera, welche das auch anhand ihrer Kleidung und den Insignien des Reichtums stolz allen zeigten. Aber diese Art von Gegen-Kontrast zum „Bettelmönch“ suche ich in Ihrem Foto vergeblich. Daher meine mangelnde positive Sicht auf das Bild.

        Aber es geht hier nur um ein Bild, eins von über 50 Bildern, die hier im Jahr als BdW kommentiert werden .

        Wenn man als Bildautor dem Publikum alles mögliche erklären muss, damit es die Intention des Bildautors versteht, das aber nicht aus dem Bild selber selbsterklärend hervorgeht, so könnte das möglicherweise darauf hindeuten, daß bei dem Bild noch ein gewisses gestalterisches Verbesserungspotential vorhanden ist. Wenn man alternativ oder rügend/kopfschüttelnd dem Betrachter die mangelnde Weltläufigkeit vorwirft, um dem Publikum klar zu machen, daß es doch bitte eigentlich selber diese oder jene fernöstlichen Einkaufs-Hotspots oder sündhaft überteuerte Luxusmarken definitiv hätte kennen müssen, so kann ich eine solche Argumentation nicht ganz nachvollziehen.

        Ich selber habe bereits in meinem Leben gelegentlich die ökonomische und soziale Schieflage gewissermaßen perfekt kontrastierend gesehen und sogar bisweilen thematisch durch Fotos kritisch angegangen, wenn sich die Gelegenheit ergab.
        Allerdings dann zumeist aus einer Distanz von nur wenigen Metern.

        Solche sozialen Widersprüche bewegen mich im Übrigen innerlich sehr, seit vielen Jahrzehnten, zumal ich dessen auch beruflich oft Gewahr werde.

        Nun zurück zu den beiden Punkten, die ich noch erwähnen wollte:
        dass der Mönch eilig die Straße entlang ging, ergibt sich aus dem Bild und seiner Körpersprache wahrlich nicht, ist auch für einen „Bettler“ eher ungewöhnlich. Für gewöhnlich ist deren Betteltätigkeit eher stationär.

        Ich gebe Ihnen recht, daß es weltberühmte und tief bewegende Fotos gibt, die technisch unvollkommene Schüsse sind, aber im „genau entscheidenden Moment“ ausgelöst wurden und einen in den Bann ziehen. Da ist einem der Moment auch als Betrachter wichtig und die Wiedergabetechnik absolut sekundär.

        Einen entscheidenden Moment in dem von Henry Cartier Bresson gemeinten engeren gestalterischen Sinne kann ich hier leider aber nicht erkennen.

        Meine Kritik im ersten Kommentar war rein fotografisch-sachlich orientiert und sollte die Schwierigkeiten deutlich machen, die so mancher Betrachter bei dem Zusammenbringen von Titel und Bild haben könnte. Wenn Sie sich dann eher darüber lustig machen, daß mir „Ginza“ und „Mikimoto“ nichts sagen, aber die meisten Kritikpunkte umgehen, so bringt uns das bei einer sachorientierten, gemeinsamen Fotodiskussion in der Tat nicht weiter.

        Aber sie werden sicherlich noch viele positive Kommentare hier bekommen, insofern nehmen Sie meine ignoranten Bemerkungen einfach nicht ernst, vergessen Sie die. Und erfreuen Sie sich an den positiven Kommentaren.

        In diesem Sinne

        Mit freundlichen Grüßen
        DWL

    • Lieber Herr DWL, es folgt meine Antwort auf Ihren zweiten Kommentar. Leider wird mir am Ende keine Möglichkeit gegeben, darauf zu antworten.

      Lieber Herr DWL,
      ich hatte wirklich nicht die Absicht, mich über Sie lustig zu machen oder Ihr Nicht-Wissen um die Ginza und Mikimoto zu kritisieren.
      Ich glaube, meine Verwendung der Begriffe “arm” und “reich” hat Sie (und auch andere Betrachter) auf ein falsches Gleis gesetzt. Japan hat grundsätzlich eine ziemlich nivellierte Gesellschaft, auch wenn eine Zeitschrift gerade in der letzten Woche die Herausbildung einer neuen “Klassengesellschaft” und die “Verarmung” der Mittelschicht analysierte. Reichtum wird in Japan nicht gezeigt. Selbst sehr reiche Menschen benutzen z.B. die U-Bahnen. Was die Ginza angeht, habe ich lediglich von der teuersten Einkaufsstraße Tokyos gesprochen, nicht etwa von einer Prachtmeile, ein Wort, das Medien gerne im Zusammenhang mit den Champs Elysees verwenden und das bestimmte Assoziationen weckt. Die Ginza ist keine Prachtmeile, eher eine ziemlich gewöhnlich aussehende Straße mit teuren Geschäften links und rechts, auf der gewöhnlich aussehende und gekleidete Menschen flanieren. (Viele teure Läden sind übrigens meistens gähnend leer, so dass ich mich schon oft gefragt habe, ob sich die Geschäfte überhaupt rechnen.)
      Es gibt Armut, aber Außenstehende nehmen sie i.d.R. kaum wahr. Echte Obdachlose sehen Sie hier und da; aber in deutschen Städten ist Armut sehr viel offensichtlicher als hier, wie ich auf Besuchen immer wieder festgestellt habe. Den Bettelmönch in diesem Sinne als ein Symbol von Armut zu bezeichnen, ist von der Formulierung her nicht glücklich und ergibt sich auch nicht aus dem Foto. Das gestehe ich Ihnen gerne zu. Meine japanische Frau meinte vorhin, er würde in keinem Fall um Almosen für sich selbst bitten, was unseren Vorstellungen eines Bettlers ja nun widerspricht.
      Andererseits: Was die reiche/superreiche Seite angeht, denke ich allerdings. dass die Aufnahme dies sehr wohl zeigt. Die Präsentation des Fensters, das überdimensionierte Blumenarrangement, das Model mit dem Schmuck, auch ohne den Firmennamen Mikimoto deutet all dies auf Geld und einen teuren Standort. Der Gegensatz zu dem ein Glöckchen schwingenden Mönch mit seiner kleinen Schale könnte kaum größer sein. Das wollte ich mit meiner Aufnahme mitteilen.
      Vielleicht wäre es vor diesem Hintergrund besser gewesen, statt “arm” und “reich” Begriffe wie Tradition und Moderne zu verwenden, wie Frau Crome explizit schreibt, und wie es auch Herr Roskothen und Herr Kant nahelegen. Bettelmönche gibt es in Japan schon seit Hunderten von Jahren; dass man sie immer noch gelegentlich sieht, finde ich bemerkenswert angesichts des Tempos, mit der sich die hiesige Gesellschaft ändert.
      Hinsichtlich Ihrer Bemerkung ich würde alles erklären müssen, um meine Absichten darzustellen, darf ich Sie daran erinnern, dass Fotografinnen und Fotografen kurze Erläuterungen zum eingeschickten “Bild der Woche” geben sollen. Nichts anderes habe ich getan.
      Was Ihre konkreten Verbesserungsvorschläge angeht – Hocke, näher ran, andere Brennweite – , einverstanden, wenn Sie das Bild in aller Ruhe komponieren könnten. Ich wiederhole mich: Ich hatte nur ein paar Sekunden, die Situation zu erfassen, zu fokussieren und auszulösen. Mein “entscheidender Moment” war, dass er sich gerade vor Mikimoto aufhielt. Vielleicht hätte ich noch eine halbe Sekunde länger warten sollen, denn dann hätte er genau im Rahmen des Models gestanden. In jedem Fall hatte ich danach das nicht so häufige Gefühl, ein gutes Foto geschossen zu haben. Dass Sie das anders sehen, respektiere ich natürlich.
      Mit freundlichen Grüßen,
      Detlef Rehn

  • Lieber Herr Rehn,
    herzlichen Dank für Ihr schönes Foto. Ich finde es sehr „sprechend“. Es erzählt von dem Gegensatz von Moderne und Tradition. In Ihrer Momentaufnahme prallen mondäne Konsum-Kultur und klassisches Japan zusammen – eine interessante und sehenswerte Aussage, wie ich finde. Persönlich kann ich gut nachvollziehen, was Sie an der Situation dokumentarisch begeistert hat.
    Zur technischen Umsetzung vermag ich nicht viel zu sagen. Dafür sind andere hier fitter als ich. Deshalb schätze ich den konstruktiven Austausch hier zum Bild der Woche immer sehr, weil man aus der Bildkritik meist auch etwas für die eigene Fotografie mitnehmen kann.
    Die heutige Einschätzung von DWL war sicher gut gemeint. Aber leider, lieber DWL, bist Du irgendwie vom konstruktiven Gleis abgekommen und hast am Ende doch einen elaboraten Verriss geschrieben. War’s der Morgenkaffee? Lass uns doch hier beim guten fotokollegialen Austausch bleiben, auch wenn uns mal eine Laus über die Leber läuft.
    Herzliche Grüße nach Tokyo und nach Köln, Kira

    • Liebe Frau Crome,

      danke für Ihren freundlichen Kommentar. Ich fand die Situation in der Tat “einmalig”. Dass sich auch solche Aufnahmen technisch verbessern ließen, wer mag das bestreiten? Indes: Was ist wichtiger? Eine technisch perfekte Aufnahme oder ein Bild mit Unzulänglichkeiten, das aber eine bestimmte Idee transportiert?

      Herzliche Grüße,

      Detlef Rehn

  • Hallo Herr Rehn,

    herzlichen Dank für Ihren Fotobeitrag, der für einen Menschen wie mich, der weder um die teuerste Einkaufsmeile Tokios noch um Mikimoto weiß, ein Wissenszuwachs bedeutet. Sehr gut auch, dass Sie dem Foto einen Titel gaben und Ihre Motive wie auch die Situation schilderten.

    Ich finde das enorm wichtig, denn nur so lässt sich das Sujet einordnen und eine Bildkritik führen. Eher selten sprechen Bilder für sich eindeutig! Rashamon ein Film aus den Fünfzigern des Regisseurs Akira Kurosawa belegt diese Tatsache anhand von Zeugenaussagen ein und derselben Handlung sehr anschaulich.
    Aus diesem Grund begreife ich die Kritik eines DWL auch nicht als Verriss. Sie ist lediglich eine Beurteilung (Kritik), die die eigenen Maßstäbe über die Zielsetzung und ggf. situative Möglichkeit des Bildautors stellt. Das ist nicht sonderlich fruchtbar, macht aber deutlich, dass Kritiken grundsätzlich kein allgemein gültiges Urteil sein können, sondern sehr persönliche Sichtweisen zu erkennen geben; siehe auch Schulz von Thun – Selbstoffenbarungsebene. Ich zumindest kann den Ausführungen eines DWL folgen, wenngleich ich mich nicht anschließe.

    Da für mich die Aufnahmetechnik stets an zweiter Stelle steht, aber nie das Allerwichtigste ist, werte ich Ihren Reflex, die Situation wahrzunehmen und festzuhalten als sehr gelungen. Die beinahe laszive Haltung und deren auf mich gelangweilt wirkender Blick der “Mikimoto-Dame” im Gegensatz zur ruhig und aufrecht wirkenden Haltung des Mönchs ist ein Treffer.

    Indes kann ich den Kontrast zwischen arm und reich nicht wahrnehmen, sehr wohl aber den Kultur-Kontrast aus zeitlicher Perspektive.

    Philosophisch betrachtet stellt sich mir dann zudem die Frage, wer ist hier wirklich arm? ;-) Wer arm und reich allein über den Besitz und oder das Vermögen definiert, mag dem folgen wollen, doch gibt es einen Reichtum, denn man sich nicht kaufen kann, noch über eine sonstige Habe erlangt. Ist es vielleicht nicht doch so, dass die Reichen arm sind? Warum sonst versuchen sie ihren Reichtum endlos zu mehren? ;-)

    Nun gut, das mag ein jeder für sich selbst beurteilen. Ich für meinen Teil folge eher dem hedonistischen Ansatz eines Epikur, der zur Mäßigung aufforderte, um Ataraxie zu erlangen.

    Ich wünsche weiterhin Wachsamkeit für solche Situationen und stets Gut Licht.
    Herzlichst Mark Kant

  • Guten Morgen,
    vorab, ich möchte mit meinem Kommentar das Bild und die Leistung weder loben noch kritisieren.

    Ich denke im Bild und vor allem in den Kommentaren wird wieder eines deutlich, an das wir beim Fotografieren immer denken sollen, wenn es uns ein Anliegen ist, Botschaften zu vermitteln. Bildsprache wirkt nicht in allen Kulturen gleich. Ebenso zeigt sich, dass Betrachter mit ihren (Lebens-)Erfahrungen, mit ihrem eigenen Leben, Bilder mehr beeinflussen als es Bildbearbeitung des Fotografierenden ermöglicht. Mit meinem Bildungshorizont z.B. hätte das Bild auch „Türsteher in Zeiten von Corona“ lauten können. Mir fehlen halt als Empfänger die die notwendigen Rezeptoren.

    Auf der anderen Seite wäre zu überlegen, ob der Titel anders gewählt hätte werden können. Mal von Reportage- und Naturfotografie abgesehen, würde ich nicht Titel wählen, die lediglich beschreiben, was auf einem Bild zu sehen ist. Denn der Betrachter gleicht, das Gelesene mit dem Gesehenen ab und verliert das Interesse, sobald er das Beschriebene gefunden und erkannt hat. So wäre vielleicht „Kampf der Religionen“ eine Möglichkeit gewesen, Betrachter länger zu halten und diese ihre eigenen Gendanken finden zu lassen.

  • Sehr geehrter Herr Rehn,

    ziemlich klasse finde ich, dass sie sich aus dem fernen Tokio hier bei *fotowissen am “Bild der Woche” beteiligen. Herzlichen Dank dafür, und auch für ihr Foto!

    Für mich ist völlig unerheblich, ob mir die kulturellen (oder sonstigen) Hintergründe einer Fotografie bekannt sind, oder nicht. Es mag zwar, wie bei ihrem Foto, hilfreich sein, die vollständige Aussageabsicht des Fotografen zu kennen. Heraus kommen dabei allerdings 2 verschiedene Ergebnisse. Als Unwissender betrachte ich das Foto als Foto, und als Kenner der Hintergründe versuche ich außerdem zu ergründen, ob die Aussageabsicht getroffen wurde. Das mag durchaus parallel gehen, muss es m.E.n. aber nicht zwingend. Macht (nur) das ein Foto besser!? Mit der asiatischen Welt habe ich z.B. überhaupt keine Schnittmengen. Daher verbleibe ich dabei, mir das Foto als Unwissender anzuschauen… ;-)

    Auch ohne zu wissen, was genau die Person verkörpert, könnte der Gegesatz zum Hintergrund nicht krasser sein! Das erkenne ich auch so, und es gefällt mir sehr gut. Die Belichtung/Ausleuchtung ist auch so, wie ich sie mag. Gerade bei s/w liegen ja da die Geschmäcker bzgl. Kontrasten etc weit auseinander.
    Das einzige, was ich ggf. verändert hätte, wäre mittels Beschnitt der Bildausschnitt. Und zwar hätte ich aus der unten linken Ecke heraus so beschnitten, dass die linke Senkrechte zwischen dem Aufsteller und dem Mönch verläuft, und die untere Waagerechte die angeschnittene Stufe entfernt. Dann wäre nämlich das “westlich” wirkende (und somit die Aussage verwässernde) Paar ganz links nicht sichtbar, und durch den dann noch “tiefer” stehenden Mönch dessen Position (Aussageabsicht…) vielleicht noch intensiver verdeutlicht.

    Herrzliche Grüße nach Tokio!

    Dirk Trampedach

    • Sehr geehrter Herr Trampedach,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ihre Anregung bez. eines anderen Beschnitts der Aufnahme finde ich sehr interessant. Ich habe das gleich heute morgen mal versucht, habe dabei aber die Waagerechte noch ein wenig höher gezogen bis knapp unter die Füße des Mönches. Übrigens ist ein hier lebender deutscher Freund auf den gleichen Gedanken wie Sie gekommen. Die Aussage des Bildes ändert sich durch Ihren Vorschlag in der Tat und spitzt zu. Ein passender Titel könnte dann z.B. sein: “Bettelmönch auf der Ginza – Zwischen Konsum und Verzicht”, um die Anregung von Herrn Roskothen aufzugreifen. So ein Titel ginge, glaube ich, auch in Ihre Richtung, Herr Labestin (danke für Ihre Anmerkungen).

      Ich bin mir jedoch nicht ganz sicher, ob die Leute links die Botschaft des Bildes “verwässern”, wie Sie schreiben. Ich habe ja schon in meiner Antwort auf Herrn DWL auf die Nivellierung der japanischen Gesellschaft hingewiesen. Auch wenn in Ihrer Version zwei Personen am Fenster übrig bleiben, so ist es doch vor allem die frontal abgebildete Dame, die, wie ich finde, die “Normalität” Tokyos oder des Landes darstellt. Ohne sie könnte u.U. der Eindruck entstehen, Extreme wie die dargestellten seien in Tokyo an der Tagesordnung. Das ist nicht der Fall, eher dominiert auch auf der Ginza eine gepflegte Normalität, freilich auf sehr hohem Niveau.

      Auch der Baum links würde in Ihrer Version größtenteils wegfallen. Ein anderer Freund, in der Kunstszene beheimatet, schrieb mir, er sehe in dem Baum ein Bindeglied zwischen der alten und spirituellen Welt (Mönch), seiner vermutlichen Künstlichkeit wegen aber auch gleichzeitig Symbol dessen, was in den Innenstädten mehr und mehr verschwindet – nämlich echte Bäume. Bei Mikimoto habe er nur eine dekorative Funktion, wertvolle Perlen noch schöner aussehen zu lassen.

      Sie sehen, wie viel Interpretationsspielraum die Aufnahme offenbar bietet.

      Danke nochmals, mit freundlichen Grüßen,

      Detlef Rehn

      • Hallo Herr Rehn,

        vielen Dank dafür, sich mit meinen Ideen auch praktisch auseinanderzusetzen!
        Mein Ansatz war ja „unwissend“, daher gibt’s für mich als Hauptmotiv nur den Herrn und die Reklame. Durch den Beschnitt fiele demnach alles für mich Unwichtige weg, und der Mönch würde sich eben anders positionieren, und würde durch den Beschnitt auch noch leicht größer. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, je mehr man auch thematisch-kulturell dort beheimatet ist, wo das Foto entsteht, um so eher entwickelt sich eine eigene Bildbetrachtung gen Deutung + Interpretation. Ihre tiefere Kenntnis der Hintergründe stehen ja in großem Kontrast zu vielem, was wir hier zu alledem fundiert sagen könnten. Das beginnt schon damit, es erst gar nicht zu „erkennen“.
        Stellen sie sich vor, das Foto zeigte einen Obdachlosen in einer deutschen Großstadt, und nur deutsche Großstädter würden es betrachten. Eine derartige Diskussion wie jetzt hier wäre wohl nicht entstanden. Solange Stil und Kultur dabei niveauvoll bleiben, finde ich das übrigens richtig erhellend, überhaupt mal ein Foto besprechen zu dürfen, wo die Unterschiede der Schauenden so differenziert liegen. Denn darin steckt grundsätzlich Vieles, was man sonst gar nicht in den Blick nehmen würde.

        Freundliche Grüße,

        Dirk Trampedach