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Fotografie damals und heute, Fokussierung und Besinnung

Ich stehe in der Dunkelkammer der Schule. Nur ein wenig rotes Licht hilft mir bei der Orientierung. Je länger ich mich in dem großen Raum aufhalte, desto mehr gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Ich finde mich hier wie im Schlaf zurecht. In der Nähe des Waschbeckens finden sich drei großen Schalen aus Plastik, von denen eine schon mal bessere Zeiten gesehen hat. Alle drei sind so groß, dass A3-Abzüge hineinpassen. Die Luft riecht nach Essig und einigen anderen Chemikalien. Ein Geruch, den ich unbewusst in mein Herz schließe.

Negativentwicklung

Meine Schwarzweiß-Filme lege ich in einem absolut dunklen Raum, der nur etwa 2 × 2 m groß ist, in eine Jobo-Entwicklungsdose. Bevor ich das Licht ausschalte, habe ich die Entwicklungsdose, eine Schere und die Filmdose so vor mir aufgebaut, dass ich sie im Dunkeln finde. Der Trick in absoluter Dunkelheit besteht darin, ohne Licht alle Bewegungen wie im Schlaf zu beherrschen. Ich öffne die Blechdose des Kleinbildfilms mit den Fingernägeln. Nachdem ich die Spule mit dem Film vorsichtig heraushole, schneide ich den Anfang des Films genau zwischen den Perforationen rund. Mit dem Finger prüfe ich die Rundung, die keinen Widerstand aufweisen darf, um nicht anschließend beim Einlegen in die Filmspule Probleme zu bereiten. Probleme dürfen nicht auftreten, denn Licht zu machen verbietet sich, um den Film nicht unbrauchbar zu machen.

Fotografie damals und heute, Fokussierung und Besinnung
Analoges Fotos mit Rolleicord 6×6 Mittelformatkamera (120er Rollfilm, 12 Aufnahmen pro Film), Aufnahme in Frankreich

Ich ziehe den Film mit gegenläufigen Bewegungen in die Jobo-Entwicklungsdose ein. Der Deckel der Plastikdose, schützt meinen Negativfilm vor dem Licht, das ich jetzt wieder anschalte.

Ein Blick auf die Rezeptverordnung von Neofin Blau oder Neofin Rot verrät mir die Entwicklungszeit. Ich fülle die Entwicklungsflüssigkeit in die Entwicklungsdose, schließe sie mit einem roten Deckel und drehe die Dose in regelmäßigen Abständen immer wieder auf den Kopf und zurück. Der Vorgang ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Eine Wasserspülung beendet die Entwicklung, bevor ich Fixierer in den schwarzen Schlund der Dose laufen lasse. Irgendwann ist der Film entwickelt und ich streife vorsichtig das verbleibende Wasser mit der Plastikzange über den Film, den ich in meiner linken Hand hochhalte, damit er nicht den Boden berührt. Ein erster Blick bestätigt, dass genügend Kontraste vorhanden sind. Mein Herz macht einen Freundensprung. Ich hänge den Film an eine Wäscheleine zum Trocknen.

Gleich anschließend schneide ich die Negative zwischen den Aufnahmen in gleichlange Streifen und lege sie bei Rotlicht auf ein 20 x 30 Fotopapier von Ilford. Ich werfe ein paar Sekunden das Licht aus dem Vergrößerer darauf. Ab in die erste Schale und bereits nach dem Entwicklungsprozess werfe ich bei schummrigem Licht ein Blick auf die positiven Fotos im Format 24 x 36 mm. Ich habe einen Kontaktabzug in Händen, über den ich eine Lupe halte, um die Spreu vom Weizen zu trennen.

Der Abzug

Lege ich die Negative in den Vergrößerer, benötigt es ein bisschen Vorstellungsvermögen, sich die Fotos als Positive vorzustellen. Das belichtete Papier wird gleich entwickelt. Immer wieder findet sich Staub auf den Motiven. Staub ist der größte Feind der analogen Zeit. Es dauert oft Stunden drei Bilder auf das Gradiationspapier zu bannen. Im roten Licht, gemeinsam mit dem Dunst der Chemikalien ist es fast ein meditativer Prozess. Die Freude über die fertigen Abzüge ist groß.

Ich wache auf aus meiner Erinnerung.

Noch heute bewahre ich einige der Abzüge von analogem Film auf. Blicke ich jetzt auf die Fotografien, so entdecke ich meine Gefühle aus der Zeit vor 40 Jahren wieder. Es war die Dunkelkammer meines Gymnasiums (Werner-Jaeger-Gymnasium Nettetal, Kunstlehrer Justus Zedelius), in dem ich die analogen Entwicklungsschritte lernte. Heute kann ich jungen Menschen die analogen Prozesse kaum erklären. Warum wäre das auch interessant? Weil es so anders war als heute? Was waren die Unterschiede?

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Fotografie damals und heute

Da ist sie, die digitale Zeit, in der wir tausende Bilder in kurzer Zeit erst auf den Sensor, später auf den Monitor bannen. Die Ausgabe eines Abzugs erfolgt heute nach einem Knopfdruck in Minutenschnelle auf dem Tintenstrahldrucker oder im Drogeriemarkt.

Früher warteten wir auf die entwickelten Aufnahmen oft Wochen, bevor der Film vollständig belichtet war und es sich lohnte, ihn aus der Kamera zu nehmen. Wir wussten nicht, ob unsere Fotos gut geworden waren, denn wir sahen nicht im Sucher oder auf dem Display bereits das Resultat unserer Auslösung. Wenn Aufnahmen zu dunkel oder zu hell wurden, war uns oft nicht klar, welche Fehler wir beim Fotografieren gemacht hatten. Heute können wir die Aufnahme sofort begutachten, die Blende, Belichtungszeit, ISO und Brennweite studieren.

Der positive Unterschied von Analog und Digital liegt in der Zeit und Lernkurve.

So ist die Fotografie heute einfacher, hat eine steilere Lernkurve, ist müheloser als in der Dunkelkammer. Macht sie deshalb mehr Spaß als damals? Ist die Fotografie heute besser geworden?

Fotografie damals und heute, Fokussierung und Besinnung
Analoge Kamera (Rolleiflex 6×6 Mittelformat) und Digitale Kamera (Leica Q2 Monochrom)

Anforderungen

Früher fotografierte ich mit einer Praktika, einer Rolleicord 6 x 6, später mit einer Pentax K2 DMD. Fotografieren war ein Luxus. Ich verdiente in den Schulferien Geld in der Fotoabteilung eines Supermarktes, um mir die Filme und Abzüge leisten zu können. Aus Geldmangel griffen viele Fotografen auf Schwarzweiß-Filme wie den HP5 oder FP4 zurück. Die Schwarzweiß-Entwicklung war überdies recht unempfindlich für Temperaturschwankungen, weshalb ich die Farbentwicklung mied. Wer viele schwarzweiß Aufnahmen belichtete, der wusste schnell, welche Motive sich für die farblose Fotografie eigneten. Wenn ich heute auf Farbe beim Fotografieren verzichte, schöpfe ich aus diesen Erfahrungen.

Erst in der letzten Woche hatte ich die digitale Schwarzweiß-Kamera, Leica Q2 Monochrom in den Händen. Mit dieser monochromen Kamera sehe ich die Welt in Graustufen. Gleichzeitig stellen sich Gefühle aus vergangen Zeiten ein, die in mir ein Gefühl von Besinnung auslösen. Ich weiß, warum ich die farblose Fotografie schätze. Schwarzweiß erdet mich, ist eine Konzentration und Entschleunigung.

Der Verzicht auf Farbe ist für mich auch eine Reise in die Vergangenheit.

Im digitalen Zeitalter fürchten Fotoamateure oft den Verlust der Farbe. Die Schwarzweiß-Fotografie ist für viele keine Option, auch weil sie es nie probieren. So wird der Gewinn durch den Verzicht nicht gelernt, nicht erfahren.

Ein wirklich gutes Foto in der Dunkelkammer zu entwickeln, ist noch heute eine Kunst, eine Form der Meditation, ein Hobby, eine Berufung, ein großer Luxus und die schnellste Möglichkeit, eigene analoge Aufnahmen in den Händen zu halten. Müsste diese Technik heute wieder erlernt werden, um eine Wertschätzung, Fokussierung und Besinnung auf das Foto zu erreichen?

Digitales Foto mit Leica Q2 Monochrom
Digitales Foto mit Leica Q2 Monochrom

Wertschätzung

Im digitalen Zeitalter der Fotografie, sind wir in der Lage, in wenigen Minuten von der Aufnahme zum fertigen Bild zu gelangen. Dennoch ist die Fotografie flüchtig. Nicht nur weil viele Menschen die wichtigsten Erinnerungen des Lebens auf ihren Festplatten verloren haben. Eine Wertschätzung guter Fotos findet oft nicht mehr statt. Auch die Auseinandersetzung mit dem Bild fehlt bei Facebook und Instagram, wo in Sekunden durch die Bilder geblättert wird.

Ich habe Hochzeitspaare beim Kennenlern-Gespräch beobachtet, die meine Bilder in Sekunden durchblätterten – und habe anschließend den Auftrag abgelehnt, weil das Paar keine Wertschätzung der Fotografie besaß. Fotografie wird auf der Schule meist nicht mehr unterrichtet. Und das, obwohl wir alle immer wieder im Leben mit der Fotografie in Kontakt kommen. Ein Grund, warum ich gerne Fotokurse für Kinder anbiete, um ihr Talent zu fördern und ihren Blick auf die Welt zu schärfen.

Nur wenige Fotografen sind heute noch mit den Mühen der Dunkelkammer vertraut. Die mediale Reizüberflutung der Werbung macht es uns zusätzlich schwer, uns noch auf eine einzige Aufnahme zu konzentrieren. Wenn wir nur mal stehen bleiben würden…

Entsprechend sind viele Menschen heute nicht in der Lage ein gutes Foto zu wertschätzen, es überhaupt wahrzunehmen. Hat der Luxus der digitalen Technik die Fotografie zerstört?

Fokussierung und Besinnung – Zurück zum Wesentlichen

Viele Menschen lachen, wenn sie hören, dass Ansel Adams (wer ist das?) mit 12 guten Fotos pro Jahr zufrieden war. Seine Aufnahmen gehören auch heute noch zu den besten Fotografien der Welt. Liegt die Qualität seiner Aufnahmen auch an der Konzentration, die Ansel Adams für seine Motive und die Technik aufbrachte? Hat es mit dem ungeheuren Aufwand zu tun, der damals auch in der Dunkelkammer notwendig war? Sicherlich hatte seine Fotografie eine besondere Fokussierung und Besinnung auf die Motive.  Die Mühseligkeit des Arbeitsprozesses zwang dazu, sich auf das Wesentliche, auf die eigentliche Bildaussage, zu konzentrieren. Auch weil Film teuer und die Anzahl der möglichen Belichtungen beschränkt war. So war man gezwungen, wider der Flüchtigkeit ganz in dem Moment zu sein.

Bestseller Nr. 1

Müssen wir zurück zur analogen Schwarzweiß-Fotografie, um die digitale schätzen zu lernen? Ich selbst bin dankbar für meine Erfahrungen, die mir mein Kunstlehrer ermöglichte und wie er mich förderte. Als ich 2019 wieder einmal analog fotografierte, war es eine Reise in die Vergangenheit. Nur 12 Aufnahmen pro Film waren im Mittelformat mit der Rolleicord möglich. Ich überlegte lange, bevor ich abdrückte.

Sich zu reduzieren, kann uns bereichern. Wir hinterfragen unsere Motivation und prüfen genau, warum und wie wir etwas fotografieren. Damit schieben wir der Beliebigkeit einen Riegel vor und entwickeln ein Verständnis für Qualität. Die Schwarzweiß-Fotografie ist kein Verzicht auf Farbe, sondern eine Form der Achtsamkeit, eine Fokussierung und Besinnung auf die wesentlichen Dinge. Auch deshalb müssen wir Leica für die Q2 Monochrom ein Lob aussprechen. Allerdings ist die Reduktion auf Monochrom auch mit den meisten anderen Kameras möglich. Wählen Sie JPG oder JPG und RAW, stellen die Kamera auf die Filmsimulation oder den Bildstil Monochrom ein.

Eine Reduktion kann uns bereichern.

Versuchen Sie mal, einen Tag am Wochenende – oder eine Woche Ihres Urlaubs – ausschließlich Schwarzweiß zu fotografieren. Schalten Sie nicht in Farbe zurück, damit Sie weiterhin monochrom denken und aufnehmen. Sie werden sehen, wie sehr sich Ihr Blick auf Details und das Wesentliche konzentriert. Ich wünsche Ihnen großen Spaß dabei.

© Peter Roskothen ist Profi-Fotograf, Fototrainer, Fotojournalist – Schwarzweiß Analog und Digital – Ein Vergleich

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Peter Roskothen

Peter Roskothen
Ich bin Profi-Fotograf, Fototrainer ganz besonderer individueller Fotokurse und Fachjournalist für Fotografie. Ich schreibe auf *fotowissen für Sie als Fotograf*in. Die Fotografie ist meine Passion. Ich liebe alle Fotogenre und fotografiere genauso begeistert, wie ich Fotokurse gebe.

Jeder kann fotografieren und mit *fotowissen möchten alle Autoren zu Ihren besseren Fotos beitragen. Dabei beschäftigen wir uns nicht mit Pixelzählen, sondern mit Technik für Menschen und den Bildern im Speziellen (Fotoblog). Im Fotoblog helfen wir Fotos zu analysieren und konstruktiv nach vorne zu bringen. Übrigens stellen dort viele meiner Fotokursteilnehmer ihre Bilder aus.

Meine ganz eigene Homepage mit Fotografien, Fotokursen und Webdesign finden Sie unter P. Roskothen Fotokunst & Design.

Journalist, Fotograf, Fototrainer Peter Roskothen

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