Individueller Fotokurs - Besser fotografieren lernen

Ein Tag in Paris // Produktion eines Fujifilm-X Imagevideos

Artikel ursprünglich verfasst am 27. Januar 2020

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Fujifilm Reportage mit X-100F

Als der Anruf aus der Fujifilm Zentrale in Kleve kam, war ich sehr erfreut. Seit mehreren Jahren fotografiere ich mit dem Fujifilm X-System, seit einem Jahr bin ich offizieller X-Photographer. Aber nun sollte ich ein Video über einen anderen Fotograf/in drehen, der eine X-100F als Nebenbei-Kamera benutzt. Zunächst stellte ich also eine harmlos klingende Anfrage an eine Facebook Gruppe – wer hat so ein Teil? Einige meldeten sich, ich checkte Websites und nahm zwei Fotografen in die engere Auswahl. Doch nun musste ich mich entscheiden, welche Geschichte ich in dem Video erzählen wollte. Eine über die Kamera, ihre technischen Details, ihre Unscheinbarkeit, den Retro-Look? Oder eine Geschichte in der Geschichte, subtiler vorgetragen. Über die Philosophie der X-100F und ihres Benutzers. Kann eine Symbiose entstehen, die beide verschmelzen lässt? Letztere war die Story, dich mich mehr interessierte. Weil ich kein Produktvideo drehen wollte. Sondern eine Reportage. Ein Roadmovie bestenfalls. Das Geschichten von Begegnungen erzählt.

Doch leider funktionierte das Konzept mit beiden Fotografen nicht. Was nun?

(photo by Bettina Flitner)

Bettina Flitner mit Fujifilm X-100F

Und dann wurde alles so einfach, das Gute lag nah: Christian Ahrens, ebenfalls X-Photographer empfahl mir Bettina Flitner, die ich auch schon kannte. Aber halt noch nicht gefragt hatte. Bettina Flitner (www.bettinaflitner.de) ist eine bekannte Kölner Fotografin, die seit Jahren Portraits und Reportagen für Magazine und NGOs ( Nicht-Regierungsorganisationen) fotografiert und immer wieder auch an Langzeitprojekten arbeitet, u.a. über Prostituiere und Freier oder Rechtsradikale. Mit einem anderen Kamerasystem. Aber die X-100F hat sie immer dabei. Sie war sogleich Feuer und Flamme für das Projekt und schlug Paris als Location vor. Eine Stadt, die sie gut kennt. Zwei Tage später schickte sie mir einen provisorischen Ablaufplan, fast schon minutiös und detailliert ausgearbeitet. Darin enthalten: ein authentisches Paris, aber ohne Eiffelturm und allzu plüsche Klischees. Fujifilm gab uns völlig freie Hand und lediglich eine Zeitangabe auf den Weg: Dauer 4 Minuten. Ein Tag Paris in 4 Minuten erzählt. Eine Stadt voller Geschichten und verrückter Anekdoten. Von denen uns tatsächlich einige begegnen sollten.

(photo by Bettina Flitner)

Der rote Faden

Eine gute Geschichte wird durch ein stimmiges Konzept erzählt, das Spontanität zulässt. Und die Meta-Ebene nicht vergisst. Wenn es eine gibt. Der Ablaufplan Bettinas sollte eine Guideline sein: ein roter Faden aber kein Korsett. Und dazu natürlich die Gretchenfrage zur Technik. Mit welcher Kamera das Video drehen, wie guten Ton erzeugen? Und all das Equipment zu Fuss durch die Metropole schleppen? Ohne Team, ohne Assi, nur mit guten Schuhen an den Füssen?

Ich liebe Redundanz, aber sie ist hinderlich, wenn man sie auf dem Rücken tragen muss. Also begrenzte ich mich so weit es ging: 2 Bodies: eine XT-3 und eine XH-1, die Festbrennweiten 1,4/16mm, 2/23mm und 1,2/56mm, ausserdem der Gimbal DJI Ronin SC. Kein Stativ, kein Licht. Aber ein externer Audiorekorder für Atmo. Das sollte, musste reichen. Am Ende blieb die XH-1 den ganzen Tag doch als Backup in der Tasche. Ihr IBIS ist zwar exzellent, aber für den Imagefilm wollte ich lieber die bessere Datenrate der XT-3 nutzen. Gefilmt habe ich dann im F-Log Full HD mit 50 fps und H.265 codec All-I (etwas Fachsimpelei und Details dann doch an dieser Stelle).

(photo by Bettina Flitner)

Drehbeginn mit der X-T3 in Paris

Morgens beginnen wir auf einem Markt neben der Rue de Mouffetard zu drehen. Eines der alten Viertel von Paris. Hier spielt Christian am Wochenende Chansons auf seinem Akkordeon und die Menschen aus dem Viertel singen mit und tanzen. Keine Touristenkameras hier, die klicken. Bettina mittendrin, sie lacht und redet mit den Menschen, fotografiert fast beiläufig. Ihr wacher Blick und ihre Empathie machen sie zu einem Teil des Geschehens.

Wir gehen weiter, die Marktstrasse Mouffetard hoch. Da fällt Bettina ein älterer Herr auf, Typ Künstler oder verarmter Bohemian. In den Hauswänden der Strasse sind Spiegel eingelassen. Er bleibt vor ihnen stehen, schaut hinein, setzt sich eine Brille auf und wieder ab, geht weiter. Bettina spricht ihn an. Er zieht ein Foto der frühen Rolling Stones aus seiner Künstlermappe; erzählt, er sei Bruder eines unbekannten Stones-Musikers, dies sei die Tragik seines Lebens. Und er könne für ein Foto nicht in den Spiegel schauen, er würde darin verschwinden. Da er aus einer alten Vampir-Familie abstamme. Und doch bekommt Bettina mit ihrer Freundlichkeit am Ende ihr Foto von dem Mann und seinem Spiegelbild.

(photo by Bettina Flitner)

Straßenfotografie in Paris

In Paris begegnet man oft tragischen Figuren auf der Strasse und einige von ihnen sind schillernd, schräg und rührend. Am Abend gehen wir noch zur Seine. Bettina hat etwas von einer Demonstration gelesen. Nah unten am Ufer. Keine, die sich gegen die Rentenreform richtet und seit Wochen die Stadt fast lahmlegt. Von Menschen organisiert, die sich für die Freilassung von Julian Assange einsetzen. Warum an der Seine, weit weg von der Strasse? Wo fast niemand schaut oder hört? Auch nicht die Band, die aufspielt. Presse ist da und ein Videoblogger. Kerzen leuchten golden im blauen Abendlicht. Eine Himmelslaterne verfängt sich im Geäst eines Baumes. Fast wie eine Open-Air Party mit Freunden. Und auch hier ist Bettina in ihrem Element, lässt sich auf die Menschen ein, bewegt sich im Takt mit ihnen. Macht Fotos, einige, nicht viele. Aber das Entscheidende. Am Ende des Tages. Paris in a Nutshell.

Planung, Reaktionsfähigkeit und manchmal Glück. Ein offenes Auge und eine Technik, die intuitiv beherrscht wird. So entstehen am Ende grossartige Fotos. Am nächsten Tag fahre ich zurück nach Köln. In strömendem Regen. What a difference a day makes!

(photo by Bettina Flitner)

Autor: David Klammer

2005: Berufung in die DFA (Deutsche Fotografische Akademie) 2007: World Press Photo 3. Preis Sport Feature Series (Fussball-Fans bei der WM 2006) 2010: VG Bild Stipendium für das Foto-Project "Hard Work" 2011: Hasselblad Award Semi-Finalist Shortlisted für DZ Bank Preis 2012: Deutscher Preis für Wissenschaftsfotografie 1. Preis Reportage 2015: VG Bild Stipendium für da Fotoprojekt "Auroville I Das letzte Utopia" 2017: Kolga Tbilisi Photo: 1. Preis Conceptual Photography "The Last Utopia" Robert-Bosch Stiftung: Grenzgänger Stipendium 2019: Rückblende 2018, Preis für politische Fotografie: 1. Preis Serie "Der Kampf um den Forst" ................................................................................................. seit 2007 Mitglied der Fotografenagentur laif.de. Arbeitet als Portrait- und Reportagefotograf für Editorial und Corporate Kunden, u.a. GEO, Der Spiegel, Die Zeit, DPDHL, Misereor und Andere

2 Kommentare

  1. Mein Kompliment David, nicht ausschließlich für das gelungenen Video-Portrait, sondern auch für den ausführlichen Bericht. Meinen Dank auch an Frau Flitner, für die wunderschönen Fotos, die wir hier sehen dürfen. Alles zusammen macht einen wunderbaren Eindruck.

    Herzlich,
    Peter Roskothen

    Auf diesen Kommentar antworten
  2. Das ist wunderbar, wirklich sehr gelungen.
    Ich habe den Eindruck, mitgenommen worden zu sein. Danke sehr dafür!

    Freundliche Grüße,

    Dirk Trampedach

    Auf diesen Kommentar antworten

Ihre Meinung interessiert uns (keine Links bitte)

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.