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Die perfekte Brennweite und der eigene Blick in die Welt

Die perfekte Brennweite und der eigene Blick in die Welt - *fotowissen

Die perfekte Brennweite und der eigene Blick in die Welt kommt möglicherweise für alle diejenigen von Ihnen noch zeitig genug, die dem hochpreisigen Weihnachtsgebaren nicht verfallen, und lieber noch etwas abwarten. Denn sollte auf ihrer Wunschliste ein neues Objektiv stehen, was nicht näher erläutert ist, könnte es hilfreich sein zu wissen, durch welchen Rahmen Sie eigentlich in die Welt schauen. Diesen Artikel, liebe Leserinnen und Leser, möchte ich mit einer provokanten Behauptung einleiten:

Wenn bezüglich Fotografie das Seh-Empfinden aller Menschen exakt gleich wäre, benötigte die Menschheit nur eine einzige Brennweite …

Die perfekte Brennweite und der eigene Blick in die Welt

Natürlich weiß ich, dass viele weitere Faktoren dazu beitragen, unterschiedliche Brennweiten als sinnvoll und nützlich anzusehen. Ich möchte mir nur gerne erlauben, Sie mit dieser krassen Aussage auf ein paar Gedanken einzustimmen, die ich im Zusammenhang mit Brennweite, dem eigenen Blick in die Welt, und uns selbst, als wichtig erachte. Haben Sie für sich selbst schonmal im Detail ergründet, warum Ihnen manche Brennweiten deutlich eher zusagen und liegen als andere? Können Sie benennen, was das jeweils ausmacht? Fangen wir vorn an, ich hole etwas aus:

Brennweiten für verschiedene Fotothemen

Für die Street Photography gibt es sicherlich Brennweiten, die sich eher eignen als andere. Und für sonstige Foto-Genres sind bestimmte Brennweiten einfach prädestiniert, ja quasi schon vorgegeben. Für groß abbildende Nahaufnahmen das Macro, für Wildlife + Sport lange Tele-Brennweiten. Bei Innenräumen, Architektur, und auch für Portraits, ist die Zuordnung von Brennweiten schon nicht mehr ganz so eindeutig. Und wie zuvor erwähnt, auch für die Street-Photography, gibt es nicht nur diese eine Street-Brennweite.

Vollformat (KB) Brennweite / Motiv Portrait Landschaft Reportage, Straßen-fotografie Architektur Stillleben Makro Sport Action Wildlife
11-17mm
(117 - 93,3 Grad*)
- +++ o +++ o o + o
17-24mm
(93,3° - 73,7°)
- +++ + +++ + o + o
27mm
(67,4°)
o ++ +++ ++ + o + o
35mm
(54.4°)
+ ++ +++ ++ + o + o
50mm
(39,6°)
++ ++ +++ + ++ ++ + o
85mm
(23.9°)
+++ + +++ o +++ +++ ++ +
100mm
(20,4°)
++ + + o +++ +++ ++ ++
135mm
(15.2°)
++ + + o + ++ +++ ++
200mm
(10.3°)
+ + + - - ++ +++ +++
300-1000mm
(6.87° - 2.06°)
o o - - - ++ +++ +++
Legende - nicht ratsam o möglich + gut ++ sehr gut +++ perfekt *Blickwinkel in Grad Horizontal

Abgesehen von Anwendungsfällen und Genres mag es aber durchaus noch andere Gründe geben, die für die Wahl von bestimmten Brennweiten entscheidend sind. Und vielleicht haben diese Gründe mit dem Foto-Genre, oder dem jeweiligen Motiv, gar nicht so sehr viel zu tun. Mit unserer Wahl von Tele bis Weitwinkel legen wir nicht nur fest, wie nah oder entfernt uns die Motive erscheinen. Der jeweils gewählte Bildausschnitt steht ja auch dafür, wie stark oder weniger stark wir unser Blickfeld auf die Welt begrenzen. Die Brennweite legt den Rahmen fest, durch den wir beim Fotografieren in die Welt sehen. Wie viel Zufall steckt eigentlich dahinter, wie bemessen dieser Rahmen (mittels gewählter Brennweite) ist, durch den wir vorrangig in die Welt schauen? Fällt die Entscheidung aus der Summe aus Genre, Motiv, Abstand? Oder was hat noch Einfluss?

Zoom contra Festbrennweite

Bei der Diskussion Zoom – contra – Festbrennweite wird ja gerne angeführt, dass die Nutzer der Festbrennweiten sich kreativer bewegen, während der Zoom-Besitzer stehen bleibt, und die Bewegung der Technik überlässt. Leider wird dabei gerne unterschlagen, dass sich bei der Festbrennweite zwar Position und Perspektive ändern, aber im Gegensatz zum Zoom der Bildausschnitt nicht! Wer also zoomt, verändert gegenüber einem Nutzer von Festbrennweiten den Ausschnitt, und damit verändert sich der Rahmen, durch den er/sie in die Welt schaut.

Foto-Beispiele zu den Brennweiten

Wie sich das ganz konkret darstellt, möchte ich Ihnen mit 3 Fotoserien verdeutlichen. Das erste Bild ist mit Festbrennweite 56 mm (APS-C, 80 mm kleinbildäquivalent) aufgenommen. Bei diesem, wie auch den weiteren drei, ist der Stamm auf der linken Drittellinie, und der Baum selbst vertikal gesehen in der Mitte. Das zweite Bild ist mit Telezoom belichtet bei 56 mm. Das dritte Foto ist mit Telezoom bei 128 mm belichtet, und das vierte habe ich wiederum mit der 56er Festbrennweite gemacht, bei nach vorn gehen bis zu dem Abstand zum Motiv, der dem 128 mm Tele-Foto nahekommt. Vor allem die letzten beiden Fotografien zeigen deutlich, wie sich der Blick auf das Motiv verändert.

Auch bei den nächsten Fotos bin ich bzgl. der Anwendung von Brennweiten so verfahren. Hauptmotiv ist hier der erleuchtete Stamm mit den gefrorenen Ästen. Ihn habe ich bei allen Aufnahmen mittig ins Bild gesetzt. Schön zu sehen auch, wie sich die Lichtverhältnisse verändern, wenn man sich mit Festbrennweite nach vorn bewegt. Die ersten 3 Fotos von weiter hinten blieben noch vom Gegenlicht verschont. Beim letzten Foto bin ich voll ins Licht gelaufen. Auch hier der massive Unterschied bei den letzten 2 Fotos. Zoom-Brennweite 153 mm, und nach vorn gelaufen mit 56 mm.

Und diese Serie mit Hochsitz und Strommast zeigt auch noch einmal, was sich alles verändert. Die Kanzel des Hochsitzes ist bei allen 4 Aufnahmen am linken unteren Drittel-Schnittpunkt. Bei der letzten Aufnahme ist gut erkennbar, was die wechselnde Position mit dem großen Strommast macht. Er ist deutlich geringer im Bild. Und beim ersten Foto ist zu erkennen, dass vor dem Hochsitz eine Böschung verläuft. Über diese blicke ich bei der ersten Aufnahme noch hinweg. Beim letzten Foto, was wieder nahe am Objekt gemacht wurde, unterlaufe ich die Böschung. Die Füße des Hochsitzes sind nicht mehr zu sehen. Der Blickwinkel, der Ausschnitt und entsprechend das Foto selbst verändert sich stark. Alles das bleibt beim Zoom-Vorgang von einer einzigen Position unbeeinträchtigt, und sicher auch oftmals unbedacht.

Bei Festbrennweiten bleibt für derartige Korrekturen bloß der anschließende Beschnitt/Crop. Sollten Sie ein Immerdrauf-Zoom benutzen, also z.B. die Klassiker in Bereichen 18-55 mm und 24-70 mm, möchte ich wetten, dass ein Großteil Ihrer Aufnahmen in einem immergleichen Bereich +/-10 mm landet. Und es wird auch eine Reihe Fotografen*innen geben, die mit Festbrennweiten zwischen 23 und 35 mm unterwegs sind, und sehr viele Ergebnisse beschneiden/croppen. Auch hier ist die Frage von Bedeutung, wie viel Zufall eigentlich dahintersteckt, bis zu welchem Bildausschnitt gecroppt wird. Beides, vorher zoomen, nachher croppen, hat den o.g. Effekt, der den Bildausschnitt beeinflusst, und damit den Rahmen verändert, durch den wir in die Welt schauen.

Die perfekte Brennweite finden

Und damit komme ich zum Kern dieses Artikels. Nutzer von Zoom-Objektiven werden es wahrscheinlich gar nicht so sehr bemerken. Aber sollten Sie Festbrennweiten nutzen und regelmäßig croppen, verwenden Sie wahrscheinlich eine Brennweite, die Sie zwar für die jeweiligen Anwendungen/Genres für perfekt halten, die aber gar nicht ihrem persönlichen Bildausschnitt entspricht, mit dem Sie beim Fotografieren in die Welt schauen. Das könnten Sie daran überprüfen und festmachen, ob Ihr späterer Beschnitt wirklich nur der kleinen Korrektur der Ränder dient, oder ob Sie sich tatsächlich erst zufriedengeben, wenn das Bild neu geordnet ist, und sich die Komposition so verändert hat, dass Zufriedenheit einkehrt. Sich da ehrlich zu machen, bedeutet meines Erachtens einen Riesenschritt auf dem Weg zu einer verbesserten Fotografie!

Wer oft sehr stark croppt, benutzt höchstwahrscheinlich nicht die ideale Brennweite, die dem eigenen Blick in die Welt entspricht. Für Nutzer von Zoom-Objektiven ergibt sich diese „Problemstelle“ nur mittelbar. Dennoch möchte ich empfehlen, wirklich danach zu schauen, wo der jeweils selbst definierte Vorteil eines Zoom-Objektivs liegt. Es könnte ja sein, man freut sich über die Brennweitenspielräume, und legt sich das als beste Lösung aus, obwohl man durch intuitiv richtiges Wählen der oftmals gleichen Brennweite, dann doch die „feste Größe“ trifft. Nämlich die, welche den Rahmen festlegt, durch den Sie, ihnen entsprechend, beim Fotografieren auf die Welt schauen.

Sich diese Dinge auf den Schirm zu holen, macht nicht zwingend nötig, sich von allen Linsen zu trennen, und nur die zu behalten, die ihrem inneren Auge entspricht. Mir erscheint es dennoch nützlich, sich selbst, und dem Rahmen, durch den man in die Welt schaut, auf die Spur zu kommen. Für mich hat sich dadurch einiges geändert, oder zumindest verdeutlicht. Ich bin kein Weitwinkel-Typ. Alles, was unter 18 mm oder 16 mm Brennweite (APS-C) liegt, lässt Fotos entstehen, deren Perspektive mir fremd bleibt. Meine Schmerzgrenze für häufigeres Fotografieren liegt wahrscheinlich sogar noch etwas darüber.

Wie wir die Welt erblicken

Diese Überlegung, durch welchen Rahmen wir in die Welt schauen, hat übrigens nichts damit zu tun, dass 50 mm Brennweite (33/35 mm APS-C) in etwa dem menschlichen Blickfeld entsprechen. Die hier aufgeführten Gedanken abzukürzen, um ohnehin im 50 mm-Bereich zu landen, ist m.E. zu kurz gesprungen. Denn diese 50 mm-Logik bzgl. unserer Sehgewohnheiten bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass das der Ausschnitt ist, der uns fotografisch am individuellsten zusagt. Die Normalbrennweite, die unserem Blickwinkel entsprechen, eignen sich halt für nahezu alle Einsatzgebiete. 50 mm ist der größtmögliche Kompromiss an alle Anforderungen. Das lässt sich ein wenig vergleichen mit dem Fahrwerk eines Autos. So wie es das Werk verlässt, ist es abgestimmt auf den bestmöglichen Kompromiss für alle Eventualitäten, aber auch für alle Mentalitäten. Wer es spezieller mag, und z.B. Richtung sportlich verändert, kommt halt schneller um die Ecken, hat aber auf Feldwegen keinen Komfort mehr. Sich dann ein weiches Kissen auf den Sitz zu legen, und weiter sportlich fahren, ist wie die Brennweite, die wir nutzen, ohne dass sie uns entspricht.

Beispielsweise könnte es doch sein, Sie nehmen für Architektur und Städtefotografie reflexartig das 16 mm/ 18 mm Weitwinkel, weil man das eben dafür nimmt. In Wahrheit ist ihr Blick auf Architektur aber ein ganz anderer. Vielleicht der durch ein Tele. Oder nehmen wir Portraits. Haben Sie die klassische Portraitbrennweite zwischen 50 mm bis 80 mm, ohne alternativ ein 200 mm Teleobjektiv genommen? Auch bei Portraits gibt es nicht nur Standards, sondern es gibt ihren Wohlfühl-Blickwinkel, der sich am Rahmen orientiert, durch den Sie in die Welt schauen. Sie treffen ganz bestimmt eine gute Wahl, wenn es um bestimmte Brennweiten für bestimmte Anlässe geht. Aber wissen Sie, durch welchen Rahmen Sie am liebsten in die Welt schauen?

Spannend wäre, zu lesen, welche Erfahrungen Sie vielleicht schon zu diesen Dingen machen konnten. Schreiben Sie es gerne in die Kommentare, lieben Dank dafür!

Herzliche Grüße, Ihr
Dirk Trampedach

© Dirk Trampedach – Die perfekte Brennweite und der eigene Blick in die Welt

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Dirk Trampedach

Eine Geschichte, ein Bild, eine Stimmung. Erlebnisse, Schreiben und Fotografieren, das hängt für mich unmittelbar zusammen. Foto-Themen, denen ich mich gerne widme, sind Berichte von Touren im VW T3 WESTFALIA, Street Photography, sowie Storys um klassische Automobile und deren Besitzer. Wenn Sie mehr über mich erfahren möchten: www.dt-classics.de.

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