Fotografie der Woche

Stuhl – *fotowissen Bild der Woche

Meine Bitte an die Leser:

Bitte NICHT zuerst den Text lesen, sondern erst unbefangen von meinem Geschreibsel das Foto anschauen und sich seine Gedanken dazu machen – und erst DANN den Text lesen. Danke!

Stuhl - Bild der Woche Fotograf: DWL

Hier mal eine Umsetzung zum derzeit zu Recht vielbeachteten “Stuhl”-Thema.

Dirk Trampedach und Peter Roskothen haben ja beide bereits umfänglich ausgezeichnete Artikel mit gleichermaßen Guten wie anregenden und motivierenden Beispielbildern hier veröffentlicht. Sie haben überzeugend dargestellt, wie wichtig, lehrreich und befriedigend die kreative fotografische Beschäftigung mit den “einfachen” Dingen des täglichen Lebens sein können – in beiden Fällen war es ein Hilfsmittel, welches wir wohl kaum mehr und häufiger benutzen: Eine Sitzgelegenheit!

Im Gegensatz zu Peter und Dirk präsentiere ich keine Bildstrecke mit Dokumentation vieler reizvoller und ästhetisch gelungener Varianten, sondern kann derzeit nur das Endergebnis präsentieren – aber ich kann etwas zu meinem mit dem Bild verbundenen Gestaltungsprozess mitteilen, um einfach Interessierte mit auf den Weg meiner im Gestaltungsprozess erfolgten Überlegungen, Versuche und  Entschlüsse bis zum Endergebnis “mitzunehmen”. Möglicherweise hilft es ja dem Einen oder Anderen als Hinweis.

Da ich derzeit damit anfange, meine mangels Zeit nie richtig geordneten Fotodateien zu sichten, zusammenzuführen und noch einmal kritisch zu betrachten, fiel mir dieses ältere Foto von mir neulich ins Auge. Ich habe meiner Erinnerung nach insgesamt nur 3-4 Bilder gemacht, dieses ist das, was letztendlich ausgesucht wurde.

Zeitlicher und örtlicher Kontext: Um die Jahrtausendwende  bin ich nach und nach von der analogen zur digitalen Fotografie umgestiegen.

Diese Aufnahme wurde ca. 2003 mit einer damals für kurze Zeit als erste DSLR genutzten Olympus E-1 (sagenhafte damalige 6 MP) mit Standard-Zoom aufgenommen. Die EXIF-Daten kann ich derzeit nicht liefern, da mir momentan nur dieses eine datenreduzierte und verkleinerte  jpeg vorliegt.

Ich war damals von dem Eigentümer eines sehr bekannten großen Anwesens in HH  für einige Tage nach HH privat eingeladen worden.

Das imposante und geschichtsträchtige Gebäude verfügt über einen Park mit kinoreifer Sicht auf die Elbe. Selbstverständlich habe ich beides fotografiert, werde aber aus verständlichen Gründen nichts veröffentlichen.

Zur Elbe und Park hin hat das Gebäude eine riesige überdachte Terasse, welche mit enormen Säulen gestützt wird. Fast schon in einer Ecke stand diese Design-Ikone  im Stil des Bauhauses.

Sie ist für mich eine der schönsten Design-Schöpfungen überhaupt im Bereich von funktionellen Sitzgelegenheiten, denn sie folgt wichtigen Kriterien des Bauhauses:
– Einfache und preiswerte Herstellung: Gebogene Eisenstäbe, punktverschweißt. Fertig.

– Ergonomisch gut: Man sitzt ziemlich bequem, weil die Form eben der anatomischen Funktion des Körpers folgt. Form follows function.

– zusätzlich auch Ästhetische Reduktion auf das Wesentliche.

Zudem hat dieser Sessel bereits einen absolut sexy Aspekt, der aus einem krassen Widerspruch resultiert:

Nämlich der weichen, zum Sitzen verlockenden spielerischen Weichheit der Formen und dem harten, beständigen Industriematerial. Allein bereits diese widersprüchliche Kombination ist bezaubernd und lädt den Betrachter zur Bewunderung ein.

Das typische örtliche Wetter (Sonne aus-ein-aus, wechselnde Wolkenabdunklung, etc.) herrschte. Nun versuchte ich zunächst, den Sessel möglichst isoliert  vom Gebäude und vor ruhigem Hintergrund sowie (soweit das mit der geringen Öffnung des Standardzooms ging) freigestellt zu fotografieren. Die allermeisten ausprobierten Positionen habe ich erst gar nicht fotografiert, sie gefielen mir nicht.

Zudem wollte ich zunehmend doch einen Kontext zwischen dem reizvollen mächtigen Gebäude und diesem filigranen Schmuckstück herstellen. Denn die ästhetische, aber imposante Aussengestaltung und der filigrane Kunst-/Gebrauchsgegenstand bildeten eine einerseits wirklich wunderbare gestaltliche Gegensätzlichkeit, ihre möglichst unmittelbare Konfrontation erschien mir noch zusätzlich den Reiz steigernd.

Daher begann ich, den Drahtsessel respektvoll immer wieder neu zu positionieren. Dabei kam die Sonne kurz aus dem Schattenbereich hinaus und spielte behutsam mit dem Drahtsessel und so warf das Vormittagslicht der Sonne dann einen Schatten, der mich zusätzlich noch aufmerksamer machte.

Denn der Schatten betonte enorm verstärkend die filigrane Gestaltung des Sessels.

Doch wo und wie Gebäude und Sessel schlüssig und zugleich durch die Gegensätze spannend “zusammenbringen”?

Die Lösung war dann, den Schatten wie ein Spinnennetz und scheinbar durchhängend als optische Verbindung zu nutzen, indem er gewissermaßen vom Sessel auf den Boden tropft und zudem in Richtung Säule herabfällt und sich mit weicher Linie an die harte, spröde Säule hinaufzieht und anschmiegt. Er verbindet somit Beides wie ein dazwischen gebundenes Seil.

So wurde der Schattenwurf auf zweierlei Art genutzt: Betonung der filigranen Gestalt, somit Verstärkung des reizvollen Widerspruchs zwischen Material und Formung des Drahtsessels und als zweite spannende “Widerspruchsebene” wurden beide filigranen Reize (Original und sein Schatten) mit der mächtigen, wuchtigen, tonnenschweren Säule konfrontiert, aber zugleich eine spielerische Verbindung der beiden Originale durch den Schattenwurf. erzielt.

Es dauerte einige Zeit, bis ich einerseits die optimale Position für den Schattenwurf ausgetüftelt hatte, andererseits musste ich immer wieder auf die kurzen Momente der durchbrechenden Sonne warten.

Ein erstes Foto zeigte ein Problem auf: Im Hintergrund warf ein kleiner senkrechter Vorsprung der Wandplatten einen störenden Schatten.

Daher habe ich beim zweiten Bild meine sehr tiefe Position dergestalt verändert, dass der Schatten nicht als Störfaktor im HG wahrgenommen wird, sondern vom Betrachter zumindest anfangs als Mittellinie und Symmetrieachse der Rückenlehne wahrgenommen wird, obwohl sie einige Meter dahinter befindlich war. Heutzutage würde man vermutlich zumeist einfach  fotografieren und dann den Schatten in der Nachbearbeitung komplett entfernen, aber die Aufnahme erfolgte wohlgemerkt vor fast 20 Jahren…. und da war ich noch absolut im “Analog-Modus” (und bin es im Grunde heutzutage immer noch überwiegend).

Da ich damals NULL Ahnung von Nachbearbeitung hatte (auch heutzutage eher rudimentär PP kenne und nutze), aber das Glück hatte, einen Fotofreund zu haben, der mir mit seiner Fähigkeit half, hat das Farbfoto von seinen bereits damals hervorragenden Fähigkeiten profitiert und im Rahmen des Gedankenaustauschs kam dann diese S/W Variante mit zugefügtem Korn und dem “Rahmen” zustande, welches ich auch heute noch sehr mag.

Ich möchte den Fotofreund nochmals lobend erwähnen, der dem Bild mit seinen außerordentlichen Fähigkeiten den wichtigen letzten Schliff gab.

Die Immobilie steht übrigens derzeit zum Verkauf – ob dieses wunderbare Schmuckstück von Sessel inklusive ist, kann ich nicht sagen.

Gruß,
DWL

Hilfeaufruf von *fotowissen

*fotowissen leistet journalistische Arbeit und bittet um Ihre Hilfe. Uns fehlen in diesem Jahr noch etwa € 27.000,- um den Server, IT, Redaktion und um die anderen Kosten zu decken. Bitte beschenken Sie uns mit dem Spendenbutton, sonst müssen wir in Zukunft die meisten Artikel kostenpflichtig bereitstellen. Das wäre schade, auch weil das weitere unkreative Aufgaben stellt, die wir zeitlich kaum stemmen wollen. Vielen Dank!

Mit Paypal für *fotowissen schenken. Vielen Dank!

Sie fotografieren gerne?

*fotowissen Newsletter

*fotowissen Newsletter mit Editorial jeden SonntagBleiben Sie auf dem Laufenden mit dem *fotowissen Newsletter, der sonntagmorgens bei Ihnen zum Frühstück bereitsteht. Der *fotowissen Newsletter zeigt die neuesten Beiträge inklusive des Fotos der Woche, Testberichte, Tipps und Ideen für Ihre Fotografie und vieles mehr. Einfach anmelden, Sie können sich jederzeit wieder abmelden und bekommen den Newsletter einmal pro Woche am Sonntag:

Newsletter abonnieren >>

Geschrieben von:

Avatar

Foto der Woche (Wahl der Redaktion)

Die *fotowissen Redaktion veröffentlicht die Fotografie der Woche, welche Leser zur Publikation eingesandt haben. Nicht alle eingesandten Fotografien werden veröffentlicht. Wir publizieren grundsätzlich besondere Fotos, die herausstechen.
Die einsendenden Fotografen werden gebeten, die Kommentare unter ihren Fotos zu lesen und zu kommentieren, da sich viele Leser große Mühe mit einer konstruktiven Rezension machen. Das betrifft nicht ausschließlich die eigenen Fotografien, sondern auch die anderer Leser und Autoren bei *fotowissen. Vielen Dank!

12 Kommentare

Bitte schreiben Sie einen konstruktiven Kommentar. Links sind nicht gestattet. (Tipp: Kopieren Sie Ihren Text vor dem Absenden zur Sicherheit).

  • Guten Morgen,

    ein ziemlich verschärftes Foto ist das, und da es den Blick sehr, sehr lange fesselt, wohl ein gutes obendrein! Deinem Rat folgend, erstmal nur zu schauen, habe ich mich in der Aufgabe gefunden, auseinander zu dröseln, WAS ich da eigentlich sehe. Denn klar, Stuhl sieht man, aber durch die tiefe Position, und die dadurch nur wage zu erahnende Sitzfläche braucht mein Auge ein bisschen Zeit.

    Der Platz dort an der Säule ist toll gewählt. Diese Kontur im Beton steht ziemlich im spannenden Kontrast zur Geschwungenheit des Sitzmöbels. Dessen Ausrichtung zu der dunklen Ecke im Hintergrund ist perfekt! Was mir auch (seltsamer Weise) gut gefällt, ist die angeschnittene Podestkante vorne links. Erst fand ich sie dem Foto nicht dienlich, bis ich bemerkte, dass sich ähnlich dunkel im rechten Hintergrund eine annähernde Parallele im Schatten am Boden zeigt. Dieses 2mal erscheinende Dreieck als Detail mag ich an dem Foto sehr.

    Und auch vor Lesen des Textes habe ich stark vermutet, dass das Foto älter, analog sein wird. Irgendwie sieht man das. Es bedarf eines immensen Aufwandes, heutige digitale Fotos in monochrom mit diesem eindeutigen Flair alter S/W-Originale zu belegen.

    Bauhaus steht für mich auch für schwer zeitlich einzuordnen, bzw für ein zeitloses Design. Das trifft auf dein Foto auch zu. Ob vor 20 Jahren oder jetzt, ich würde es mir aufhängen.

    Herzlichen Dank für´s Zeigen und Erläutern.

    Herzliche Pfingstgrüße,

    Dirk Trampedach

    • Moin Dirk,
      Freut mich, daß zumindest bei Dir fas Bild „zündet“.
      An dem Tag habe ich mit Blick von der Terasse auf den Park und die Elbe zwei leckere Cappuccini genossen und tiefenentspannt dann den Drahtsessel als Thema genommen. Es waren gut zwei wunderbar entspannte Stunden, in denen ich mich kreativ ausgelebt habe und die für mich so erholsam waren wie eine Woche Urlaub.

      Die oberste Stufe der über die gesamte Breite der Terrasse weit nach unten führenden Treppenkonstruktion habe ich sehr bewusst gewählt, um dem Bild einen möglichst räumlichen Eindruck, deutliche Dreidimensionalität, zu geben. Wie wichtig das für das Bild ist, merkt man sofort, wenn man sich dieses scheinbar unwichtige Detail einmal wegdenkt oder sie mal mit der Hand abdeckt. Ohne die knapp angeschnittene Stufe wirkt das Bild zwar auch gut räumlich, aber das Detail gibt dem suchenden und die Szene taxierenden Auge besser die Möglichkeit, sich besser in der Tiefe des Raums und damit des Geschehens zurecht zu finden.
      Zudem wird dadurch und die hintere, parallel verlaufende Bodenlinie die Räumlichkeit durch Betonung eines diagonal verlaufenden Linienpaares noch weiter betont.

      Vordergrund ist wirklich sehr wichtig – er gibt dem Auge Hakt und wir sind ausserdem evolutionär betrachtet immer noch Fluchttiere – und die fühlen sich wohler, wenn sie die dritte Dimension klar und sicher im Blick haben. Dafür reicht bereits ein kleines Detail wie ein angeschnittener Gegenstand o.ä., dessen tatsächliche Größe man gut abschätzen kann, um die restlichen Dimensionen des Bildes anschliessend gewissermaßen extrapolieren zu können.

      Mir gefällt auch, wie sich der Schatten der Rückenlehne scheinbar um den hinteren Teil der majestätischen Säule herum schmiegt- eine weitere Konfrontation von „Weichheit“ der Sesselformen mit dem harten und spröden Beton des architektonisch wirklich sehr interessanten Gebäudes.

      Leider stand die Sonne bereits zu hoch, um einen höheren Schattenverlauf auf der Säule zu erzeugen, aber der abgebildete Schatten ist trotzdem sehr schön.

      Die dort verbrachten Tage waren sehr intensiv und kreativ – es entstanden dort u.a. auch zwei sehr, sehr persönliche und spontane authentische Portraitserien, die mich sehr erfreuten und welche ich in ihrer Intensität zuvor wahrlich nicht erwartet hatte.

      Auch Dir ein schönes Pfingstfest – meins wird leider sehr arbeitsreich sein.

    • Nur noch kurz, um Missverständnisse zu vermeiden: bei dem Foto handelt es sich primär tatsächlich um ein (scharfes und detailreiches) digitales Photo, allerdings bewusst mit Korn und weiterer Anmutung, welche den Betrachter – entsprechend dem Motiv – emotional in eine sehr gut passende, eher „zeitlose“ , aber zurückliegende Epoche zurück versetzt.

  • Guten Morgen,
    ich habe keine Mühen gescheut und den Artikel extra nicht auf dem Handy, sondern dem 24 Zöller gelesen. ;-)

    Ich denke, über die Bildgestaltung muss man nicht viel Worte verlieren. Für meinen Geschmack ist sie Optimal. Vom Bildformat über die Platzierung des Stuhls und der Säule bis hin zur Podestkante. Auch der Kontrast hat etwas Zeitloses, welches durch die Reduzierung der Klarheit noch unterstrichen wird.

    Zwei Dinge hindern mich aber daran, mich in diesem Bild lange zu verlieren. Das eine ließ sich nicht ändern, das andere hätte gestaltet werden können.
    Zum Einen, es sind mir einfach zu viele Linien. Stuhl, Säule und Podestkante sind genial, aber leider ist mir dann der Hintergrund zu unruhig. Der Marmor, der Schatten im Hintergrund und die quadratischen Steine überfrachten für mich das Bild mit gegenläufigen Linien und reduzieren die starke Wirkung der anderen.
    Zum Anderen hätte das Bild mit einer „Geschichte“ ergänzt werden können. Eine zusammengefaltete Zeitung auf dem Stuhl oder ein Kaffeebecher gerne auch Weinglas auf dem Boden. So dass die Fantasie beginnt, wer hat dort gesessen, was hat die Person danach gemacht, wo könnte sie hingegangen sein? Hier wären der Gestaltung keine Grenzen gesetzt, auch ein großes Küchenmesser auf dem Boden wäre möglich. … aber vielleicht denke ich auch nur zu „krank“. :-)

    In Summe aber eine tolle Aufnahme, die mich wirklich inspiriert, lieben Dank dafür.

    • Richtig Bernhard,

      ein Blatt unter dem Stuhl hätte genügt; für mich lebte das Bild damit. Dennoch ein wunderschönes, gelungenes, reduziertes Foto, Kompliment, DWL!

      Herzlichen Gruß, Peter

    • Hallo Herr Labestin und lieber Peter,
      Ein herzliches Danke für die Kommentierungen !

      Wie Herr Labestin bereits schrieb, gab es Bestandteile des Bildes, welche nicht geändert werden konnten. Ich hatte mir bereits jene Säule für das Foto ausgesucht, deren Hintergrund am wenigsten ablenkte, die anderen Säulen standen entweder vor einem wirklich sehr raumfordernden und “standesgemäß” breiten Ausgangsbereich vom Salon auf die Terrasse oder es war eines der riesigen Fenster im Bild… keine andere Chance.
      Ich war ebenfalls mit der tendenziell unruhigen Struktur des Wandbereiches unglücklich und hätte sie gerne ruhiger gehabt – aber das ging eben einfach nicht.

      Nun zu den wirklich sehr konstruktiven weiteren Vorschlägen bzgl. der Geschichte, welche man mit diesem Bild (zumindest zusätzlich mit ein paar kleinen einfachen Requisiten) auch noch hätte erzählen können:

      JA, ich gebe Peter und Ihnen völlig recht, das wäre ein von der Thematik völlig anderes, aber total reizvolles weiteres Bild geworden!

      Ich wollte primär wirklich nur diese beiden Komponenten (das epochal-pompöse des Anwesens und die fast schon liebliche Struktur des Metallsessels) mit ihren Gegensätzlichkeiten ins Bild bringen, gerade eben ohne weitere Ablenkungen. Einfach puristisch nur die abstrakte Ästhetik von Sachen darstellen.
      Dieser Plan ließ mich nicht los.

      Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt damals bei dem Motiv an die Kombination mit einer menschlichen Geschichte in Form von weiteren Gegenständen gedacht habe. Aber ich habe meiner Erinnerung zufolge kurz nach dem Bild meine diesbezügliche Aktion mit dem Sessel aus Höflichkeit abgebrochen, weil zumindest die Dame des Hauses inzwischen aufgewacht war und erschien (der Herr jedoch nicht) und wir beide haben dann nach einer netten Unterhaltung auf ihre Bitte hin spontan begonnen, eine längere Zeit Portraits von ihr zu machen.

      Der Vorschlag einer Inszenierung im Sinne einer Geschichte ist hervorragend und ich finde es schade, das nicht gemacht zu haben. Zumal das Haus trotz aller leicht pompösen Wuchtigkeit doch auch eine gewisse fast schon leicht abweisende, protestantische Kühle und Distanz ausstrahlt – was ich damals sogar für eine dritte Ebene von Gegensätzlichkeit gut hätte nutzen können: Unverrückbare Ordnung von Sachen und eine Spur von menschlicher Sehnsucht nach Genuß (in Form eines Glases Wein oder einer Tasse Kaffee) wären eine spannende szenische Umsetzung allemal wert gewesen!

      Schade, das wäre in der Tat noch das Sahnehäubchen oder der “Nachschlag” in Form einer weiteren Variante bzw eines inhaltlich etwas anderen Themas gewesen.

      Herzlichen Dank für den wichtigen und hilfreichen Hinweis!

      Ähem… sorry für den langen Text oben… ich habe ihn ganz spontan in einem Schwung ohne weiteres Gegenlesen in völlig übermüdetem Zustand getippt, um dem Foto einen Kontext zu geben…

      Beste Grüße

      DWL

      • Im Abstand von 2 Jahrzehnten erneut auf ein Foto zu schauen, müsste sich ja in Konkretem messen lassen. Entweder, alle Aspekte von damals bestätigen sich, oder aber man hat sich weiterentwickelt, ggf. auch fotografisch verändert, und somit schaut man auch anders drauf.

        Von daher mag der unbedarfte Blick der erstmaligen Betrachter schon auch anders sein, als der des Fotografen. Was sich allerdings auch in 20 Jahren wenig verändert hat, sind die vom jeweiligen Geschmack unabhängigen Parameter für ein gelungenes Foto. Und davon hat dieses reichlich.

        Freundlichen Gruß, Dirk Trampedach

  • Leider kann ich die Kritiken meist nicht nachvollziehen! Wenn ich ein Bild nicht gut finde, wird es hier über den Grünen Klee gelobt und umgekehrt. Ich stehe da mit meiner Mei u g nicht ganz alleine. DasBild von dieser Woche spricht mich an, aber ich kann nicht in Begeisterung darüber ausbrechen, auch wenn mir solche Möbel gut gefallen!
    Was mir aber wichtig zu sagen ist, das ist definitiv kein Möbel im Bauhausstil!
    Es erinnert mich eher an Colani, der aber andere Materialien benutzt hat!
    Hiltrud S.

    • Hallo Frau S.,

      ich finde es klasse, dass Sie das so frei raus sagen und Sie benötigen keine Mehrheit dazu. Sie müssen nur sich selbst treu bleiben. Aber tatsächlich haben Menschen alle einen anderen Blick und Geschmack. Dennoch gibt es gestalterische Regeln und ich hoffe, Sie können etwas mit den konstruktiven Kritiken anfangen.

      Gruß,
      Peter R.

  • Sehr geehrte Frau Schmitz,

    für mich ist ihr Kommentar sehr wertvoll! Ich habe nämlich zu Bauhaus genau nullkommanull Kompetenz, und habe die Aussage dazu übernommen. Was nun tatsächlich stimmen mag, ist zweitrangig. Wichtig ist mir, nochmal dran zu denken, nur dazu was zu sagen, was man auch belegen kann. Also danke dafür!

    Und zu der Kritik im Allgemeinen hier freue ich mich immer, wenn sie, egal wie die Ausschläge auch ausfallen, etwas Positives auslöst. Denn letztlich gehts ja um nichts anderes, als Hinschauen zu lernen, und vor allem, Reflektieren + Verbessern eigenen Tuns anzukurbeln. Ich kann nicht erkennen, dass Fotos hier über den Klee gelobt werden. Es wurden immer auch deutliche Worte zu Fotos oder Bildanteilen gemacht, die nicht unbedingt nach voller Zustimmung klangen. Dass alle einer Meinung sind, war und ist nie Zielvorgabe. Sollte also mal wieder ein Foto auftauchen, dass entgegen vieler Meinungen der ihren gar nicht entspricht, dann bereichern sie doch bitte den Austausch in letzter Konsequenz mit ihrer ganz eigenen Meinung. Für das aktuelle Bild der Woche bleiben ja noch 5 Tage Zeit… ;-)

    Herzlich grüßend,

    Dirk Trampedach

  • Ich möchte nicht über technische Finessen schreiben, auch nicht über Bildgestaltung, das ist sicher alles einfach richtig, mich begeistern immer Bilder, die bei mir Kopfkino einschalten und dadurch zum Verweilen und Betrachten einladen.
    Das ist hier durchaus der Fall, nichts stört, nichts ist zuviel.
    Vielleicht ist irgendetwas zu wenig?
    Es wurde schon ein Blatt erwähnt, das könnte zum Beispiel dem Bild durchaus noch gut tun, die Frage stellen, wie es dahin käme, vielleicht sogar in Farbe? Oder ein Spielzeug auf dem Stuhl? Das würde bei mir noch weitere Bilder erzeugen…

    • Lieber Volker Wehres,

      herzlichen Dank für den Kommentar.
      Zunächst: JA, man hätte zusätzlich zu dem bewußt „puristisch“ gehaltenen Bild noch einige Dinge hinzufpgen können, das wurde ja auch von anderen Kommentatoren als Alternative erwähnt.
      Und es ist ja auch durchaus reizvoll, dieses Motiv gewissermaßen als Basis für das Initiieren des Kopfkinos zu nutzen: eine beiseite gelegte Zeitung, eine Tasse Kaffee, eine Sonnenbrille, …. aber ich weiß nach rund 20 Jahren nicht einmal, ob ich tatsächlich ohne die erfolgte Unterbrechung/Ablenkung noch das hier gezeigte Grundmotiv zu einem zusätzlichen „Kopfkino“ Bild mit mehr Komponenten in Richtung „Aktion“ ausgebaut hätte.

      Mich hat allerdings primär das eher puristisch- ruhend-meditative und rein formal-ästhetische der sichtbaren Gegensätze und Schattenwürfe gereizt. Danach war mir mehr an dem schönen, friedlichen Morgen.

      Wie bereits geschildert, ergab sich jedoch unmittelbar nach der Fertigstellung des „Stuhl“ Bildes eine Situation, welche es erforderte, daß ich mich in eine völlig andere Situation begeben „musste“, weil ich dann nicht mehr alleine war. Es folgte ein längeres, sehr persönliches und interessantes Gespräch, welches sich dann ganz harmonisch zu einer sehr persönlichen und authentischen fotografischen Portraitserie weiterentwickelte. Diese Portraitserie war ein ziemlicher Glücksfall, welche ich und auch die portraitierte Person (trotz oder wegen?) der Spontaneität beim Betrachten der Resultate als sehr gelungen empfanden.

      Insofern war das für mich ein wunderschöner fotografischer Tag, voll mit interessanten Herausforderungen und Motiven, die einem wahrlich nicht oft geboten werden. Manchmal hat man einfach richtig viel Glück und vermasselt zudem auch nichts.

      Nochmals herzlichen Dank für den Kommentar

      DWL